Predigt zu Johannes 14,1

Es hat für mich Tradition, am Ende eines Jahres noch einmal auf die Jahreslosung zu schauen, die das Jahr hätte begleiten können – diesmal aus dem Johannesevangelium, der Anfang der Abschiedsrede Jesu:

„Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich“.

Euer Herz lasse sich nicht erschüttern, verwirren – könnte man auch übersetzen.

Weil es uns zum Glauben helfen kann, liebe Gemeinde, lese ich uns den Kontext, und zwar so, wie der Rhetoriker Walter Jens ihn übersetzt hat:

„Seid gelassen: Euer Herz bleibe ruhig- erschreckt nicht,
sondern vertraut, heute und immer, auf Gott und auf mich!
Im Hause meines Vaters ist eine Bleibe für alle.
wer sie auch seien. Dort können sie wohnen.
Stünde es anders: ich wäre ein Lügner.
Doch ich weiß, was ich sage.
Denn ich gehe hin, unter die Himmel, und sorge dafür,
dass ihr eine Heimat habt, dort, ein Zuhause.
Schon gehe ich fort, um euch eine Wohnstatt zu schaffen,
doch ich komme zurück, dann seid ihr meine Gäste,
und wo ich bin, da seid auch ihr: geborgen und ohne Furcht.
Ihr kennt meinen Weg: Ich will ihn gehen.“

Da sagte Thomas zu ihm: „Wie können wir den Weg kennen, da wir nicht wissen, wohin du gehst?“
„Ich bin der Weg“, antwortete Jesus,
„ich bin Wahrheit, und ich bin Leben. Nur durch mich kommt ihr zum Vater.“
Ach, Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen,
das Heil, für das du uns geschaffen hast.
Darum hilf beim Reden und beim Hören und in beidem:
Hilf beim Predigen. Amen.

Nein, liebe Gemeinde, davon mag und brauche ich nicht reden, von dem, was uns erschreckt haben kann im letzten Jahr: Die politischen Krisen, die wirtschaftlichen Sorgen Europas und der Welt, dem wackelnden Euro nicht. Nicht reden von Erdbeben und Fluten und Vulkanen und Klima. Mag auch nicht reden von den Erschütterungen durch Krankheiten, Todesnähe und Verlust. Nicht jetzt. Und nicht hier.

Wisst ja selber ein Lied davon zu singen, da muss ein Prediger nicht noch mit einstimmen.

Wovon stattdessen zu reden ist, das ist vom Glauben, von dem, was uns Halt gibt und wie es uns Halt gibt, in den Erschütterungen des Lebens.

„Glaubt an Gott und glaubt an mich!“

Ach, wenn das so einfach wäre…

II.
„Meine Herren, es wackelt alles!“ Mit diesem Satz verstörte der junge Theologe Ernst Troeltsch die 1896 in Eisenach versammelten „Freunde der christlichen Welt“, eine Versammlung liberaler Professoren verschiedener Fakultäten.

Dem Club der alten Herren hielt er vor Augen, dass die Zeit einer immerwährenden Theologie (Theologia perennis), in der eine feststehende Wahrheit ein für allemal dogmatisch formuliert ist, vorüber ist. Nicht dass es solche Wahrheiten nicht gäbe, aber die Geschichte verwandelt „die“ Wahrheit in vielerlei Ausprägungen und Gestalt, hinter der wir sie allerst suchen müssen.

Die alten Herren reagierten pikiert und sprachen von einer „schofelen Theologie“, konnten aber an der Erschütterung, die ihrem Glauben widerfuhr, nichts mehr ändern. Und noch heute wackelt ein jeder Glaube, der versucht, seinen Halt in einmal festgelegten Dogmen zu finden.

Nichts ist mehr sicher und verlässlich, keine Wahrheit mehr gültig, keine Norm mehr unhinterfragt. Da bleibt kein Dogma mehr auf dem anderen.

Warum sag ich das?

Weil ich glaube, dass wir Jesu Wort missverstehen, wenn wir damit eine Abschottung gegen jedes Erschrecken, jede Erschütterung und Verstörung meinen legitimieren zu können.

Glaube ist verstörter, irritierter Glaube, wenn er denn lebendiger Glaube in der Nachfolge Jesu Christi ist. Alles andere ist Dogmatismus oder Fundamentalismus, nicht tauglich, den Verstörungen unserer Existenz anders zu begegnen als in der Flucht in vermeintliche Sicherheiten. Die aber können einem aufgeklärten Geist doch nicht standhalten, zumal dann, wenn das Leben ihn kräftig durchschüttelt.

Demgegenüber hatte schon Luther mit seiner Ablehnung von Tradition und Dogma als Offenbarungsquellen den Protestantismus grundsätzlich anders positioniert und, was vielleicht nicht viele wissen, Theologie mit einer aufregenden Exklusivität auf Erfahrung bezogen: Sola experientia facit theolgum – allein die Erfahrung macht den Theologen.

Heißt, noch einmal einfach gedreht und gewendet: In den Zeiten der Erschütterung, des Umbruchs, des Erschreckens, der Krise, ist Halt nicht zu finden, indem ich versuche, an alten Normen und Werten krampfhaft festzuhalten, sondern zu finden nur im Glauben in der Nachfolge Jesu Christi, der von sich selbst sagt:

Ich bin der Weg – nicht der Standpunkt.

Ich bin Wahrheit – und nicht das, was ihr Euch als Wahrheit so zurecht gerückt habt. Ich bin Wahrheit, nicht die Dogmen, die ihr erdacht habt, sondern ich, der Lebendige.

Und ich bin Leben und also mitten drin und euch voraus in dem, was ihr als Leben erfahrt.

III.
Christus finden inmitten der Zeit, in der wir leben.
Christus finden unter den Denkvoraussetzungen unserer Kultur. Christus finden in den Erfahrungen meines Lebens.

Wie kann das zugehen und also auch: Wie kann ich heute glauben?

Wir stehen mit der Frage nicht allein. Sie ist mit der Entstehung des Glaubens gleich ursprünglich.

Schon die biblischen Erzähler, die Schreiber der Briefe, die Väter der alten Kirchen haben den Glauben in ihrer Erfahrung zur Sprache gebracht.

Der Evangelist Johannes schreibt so anders als Matthäus. Markus hat anderes im Blick als Lukas. Selbst die gleichen Geschichten werden in der Feder der einzelnen Evangelisten mit interessanten, kleinen Nuancen versehen, die eine andere Antwort auf die Frage Jesu geben: „Wer sagen die Leute, dass ich sei…“

So wird denn leicht deutlich, dass der Jesus, an den schon die ersten Christen glaubten, ein anderer ist, als jener, den Historikerinnen und Historiker als „historischen Jesus“ ausmachen können. Hinter diese Differenzierung zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens kommt heute auch kein Papst mehr zurück, auch wenn er noch so viele Jesus-Bücher schreiben mag.

Der Christus, an den wir glauben, ist ein anderer und gerade darin gestern, heute und in Zukunft derselbe, dass er ein anderer ist.

IV.
Mag sein, dass sie das erschüttert, verstört, irritiert und verschreckt.

Dann sind wir jetzt endlich an der Stelle, wo uns Jesu Wort trifft: „Euer Herz erschrecke nicht, glaubt an Gott und glaubt an mich“.

Nämlich dort, wo uns Christus zu entschwinden droht – Johannes redet vom Abschied Jesu.

Seine Jünger sind damit konfrontiert, dass sie ihn und damit alles, was sie für sicher hielten, verlieren.

Da stellt Jesus dem Erschrecken den Glauben, der Erschütterung den Halt gegenüber, der Angst vor dem Verlassen-werden das Sich-Verlassen auf Gott.

„Davon“, sagt Jesus wenn ich es recht verstehe, „davon, dass ich für euch nicht greifbar bin, nicht fassbar bin in zeitlos gültigen Dogmen, davon lasst euch nicht erschrecken, nicht durchschütteln und umhauen, könnte man das griechische Wort an der Stelle übersetzen. Denn dort, wo Eure Sicherheiten verloren gehen, da beginnt die Kraft des Glaubens.“

V.
Was könnte das nun heißen?

Zwei Versuche will ich unternehmen.

Der erste:

Jesus - Jeshua – der Name ist Programm, heißt: Gott rettet, Gott hilft. Als Immanuel, als Gott mit uns, wird der Heiland angekündigt.

Ich habe in diesem Jahr so manches Mal nur an den Gott glauben können, der mir hilft. Und er war, je nach Erfahrung, anders helfend – und hin und wieder auch gar nicht.

Und ich möchte Sie und Euch einladen, sich in ihrem Leben darauf einzulassen, an den Gott zu glauben, der euch hilft.

Ich weiß, das ist gefährlich: Weil es uns verleiten könnte, uns unseren Gott je nach Situation selbst zu schnitzen.

Wer aber dieses Risiko scheut, rechnet nicht mit der Freiheit und Souveränität Gottes. Als wäre Gott nicht mehr als eine Projektion unserer Wünsche.

Worum es mir geht, ist vielmehr mich und mein Leben in den unterschiedlichen Situationen des Lebens offen zu halten für Gottes Macht und Wirken.

Gerade da, wo mir der Boden unter den Füßen sinkt, nach der Hand zu suchen, die mich halten kann.

Eben weil Gott kein zeitloses Fatum ist, darf ich damit rechnen, dass er auch in meinem Leben und unter seinen Bedingungen hilft, rettet, schützt, bewahrt, heilt, segnet.

IV.
Und ein zweiter Versuch, was es für mich heißt:

Der Glaube an Jesus Christus befreit mich von allem, woran wir sonst zu glauben gehalten sind.

Aus dieser Gewissheit heraus, lasst uns ruhig noch ein wenig Wackeln an den Grundfesten unserer Gesellschaft:

Beispielsweise an der scheinbar zeitlos gültigen Wahrheit, dass Wirtschaften immer wachsen müssen. Dass Ungleichheit der Motor einer Gesellschaft ist. Dass es Arme und Reiche immer unter uns geben muss. Dass Steuern Staatsräuberei sind. Dass Kultur nur kostet und nichts bringt. Und dergleichen mehr.

Der Glaube an Jesus Christus, das Sich-im-Leben-Gehalten-Wissen, gibt uns die Freiheit und Souveränität, zu fragen, zu zweifeln, zu erschüttern und zu wackeln an den Säulen der Erde. Er wird sie halten. Jetzt und in Ewigkeit. Amen.

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