Freitag, 18. Mai 2012

"Was glotzt ihr zum Himmel?"

Predigt an Himmelfahrt zu Epheser 1,15-23
Darum auch ich, nachdem ich gehört habe von dem Glauben bei euch an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen,
höre ich nicht auf, zu danken für euch,
und gedenke euer in meinem Gebet,
dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus,
der Vater der Herrlichkeit,
euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen.

Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid,
wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist
und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wurde,
mit der er in Christus gewirkt hat.

Durch sie hat er ihn von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel
über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen.

Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles,
welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.

Liebe Gemeinde, da müssen einem schon erleuchtete Augen des Herzens gegeben sein, um so über die Kirche reden zu können.

Wer aber sagt, dass dieses Wunder nicht auch heute geschehen könnte, unser Gebet erhört werden könnte, und Sie heute aus der Kirche gehen und sie mit anderen Augen sehen, als noch vor dem Läuten der Glocken?

Die Kirche:

Als Institution in der Krise wie alle Institutionen und als Organisation hilflos paddelnd bei stürmischem Wind, der uns mal mit einer kräftigen Austrittswelle zurückwirft, mal finanziell auf Grund laufen lässt, dann geht mal wieder ein Mann – oder ein paar mehr – über Bord und schwächt die Mannschaft, die sich von Optimierungsprozess zu Optimierungsprozess getrieben sieht.

Und dann gibt es noch die wilde Piraterie jener, die die Kirche als Selbstbedienungsladen missverstehen und nicht davor zurückschrecken, sich ihrer zu bedienen zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse wie Macht, Selbstdarstellung, Vorteilsnahme oder auch – und es empört zu Recht – ihrer unbefriedigten Sexualität.

Ein nüchterner Blick auf die Kirche bei dem die Augen vielleicht nur glänzen, weil einem zum Heulen zu Mute ist.

Aber ist das unser Blick?

II.
„Er gebe Euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid…“

Um einen Perspektivwechsel geht es offenbar dem Schreiber des Epheserbriefes.
Und er macht es vor, wenn er dankt für den Glauben, der in einer Gemeinde gelebt wird und die Liebe, die Menschen miteinander verbindet: „Darum höre ich nicht auf, für euch zu danken.“

Das ist eine neue Perspektive: Dass wir erst einmal mit dem Danken anfangen. Als Gemeindeglieder, als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Haupt- und Ehrenamt, als Presbyterinnen und Presbyter.

Wenn wir das nicht mehr können, dankbar zu sein für diese Gemeinde, diese Kirche, wieso erwarten wir dann, dass die Gesellschaft ihr mit Achtung und Respekt begegnet?

Um einen Perspektivwechsel geht es, darum, dass wir unseren Blick nicht gefangen nehmen lassen von dem, was wir alles Negatives sehen können an der Kirche.

Denn das ist es ja nicht, was die Kirche ausmacht.

Das ist nicht ihr Wesen, und es muss darum auch nicht so bleiben.

Nichts von dem, was wir tun oder lassen, was wir versäumen oder verpatzen, was wir ignorieren oder arrogant eliminieren, nichts davon muss so bleiben, wie es ist.

Denn das Wesentliche ist nicht das, was vor Augen steht. Wie heißt das noch beim kleinen Prinzen: Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

"Er gebe Euch erleuchtete Augen des Herzens" , heißt es im Original.

III.
Was aber ist das Wesentliche?
Oder: Wozu gibt es die Kirche?

Wir feiern heute Himmelfahrt. Die alten Bilder sind für  uns heute meist schwer verdaulich: Was aber steckt dahinter?

Wenn Sie mich vor dem Hintergrund unseres Predigttextes fragen, dann geht es bei der Himmelfahrt um sozusagen eine Urgeschichte zur Begründung von Kirche – und die geht so:

Christus lebt nicht mehr in der Gestalt eines einzigen Menschen unter uns. In dieser Weise ist er uns Menschen entzogen. Sondern er lebt nun fort mit seinem Geist und seiner Kraft in der Kirche als seinem Leib.

„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und klotzt zum Himmel“, heißt es in der Himmelfahrtsgeschichte, wie sie die Apostelgeschichte erzählt. Christus lebt als Gemeinde unter uns.

Als Gemeinde, nicht zwingend als Institution Kirche.

Sondern da, wo sein Geist weht – wir gehen auf Pfingsten zu, da wo sein Geist weht, und da wo seine Macht und Kraft sich lebendig erweisen, wir kommen her vom Osterfest, da ist Kirche.

Himmelfahrt bindet Ostern und Pfingsten zusammen, Leben, Tod und Auferstehung Jesu und das Sein und Werden von Kirche.


Das sind jetzt schöne theologische Sätze. Aber was heißt das denn für uns konkret?


IV. Himmelfahrt - Kirche, ein Ort der Freiheit
Ein erstes: Da wird die Himmelfahrt Jesu im Predigttext verbunden damit, dass Christus eingesetzt ist zur Rechten Gottes des Vaters und gesetzt ist über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und was sonst einen Namen hat, nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen.

Was damit umschrieben wird, ist Gottes Macht in Zeit und Raum. Oben und unten – diese und die zukünftige Welt.

Welche Kraft wirkt da heraus?

Es ist die Kraft der Freiheit, der Unabhängigkeit. Gott schenkt uns Freiheit von allen Mächten und Gewalten, Bindungen und Fesseln.

Und eine Kirche, die in der Kraft Gottes lebt, ist der Ort, an dem diese Freiheit gelebt wird.

Freiheit, die sich zum Beispiel darin zeigen kann, dass ich mir die Frage stelle, was mir denn wirklich wichtig ist im Leben.

Freiheit, die sich darin zeigen kann, das Nötige zu tun, auch wenn es nicht Trend ist.

Freiheit, die sich im Widerstand äußern kann gegen Ansprüche von Staaten und Mächten und koste es Privilegien oder gar das Leben.

Gottes Kraft und Macht schenkt Freiheit. Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.

V. Ostern - Kirche, ein Ort des Lebens
Ein zweites: Da ist von Ostern die Rede. Gott hat Christus von den Toten auferweckt.

Was damit umschrieben wird, ist die Rehabilitierung des Opfers.
Jesus ist das Opfer menschlichen Tuns geworden. Mit allem, was dazu gehört: Dem Quälen des Lebenden, dem Entwürdigen und Verachten, dem Beschneiden von Lebensraum und letztlich dem Tod.
Ein Opfer, wie es viele gibt.

Aber Gott hat sich dieses Opfers angenommen, hat ihn aufgerichtet und Würde und Macht und Hoheit verliehen.

Was für eine Kraft erwächst daraus für uns, von denen der Epheserbrief schreibt, wir seien mit auferweckt?

Es ist die Kraft der Würde und des aufrechten Ganges der Gedemütigten und Gebeugten.

Wir brechen aus aus der Opfermentalität, die sich immer nur als den Sachzwängen ausgeliefert empfindet.

Wir stehen auf und treten den Tätern entgegen.

Wir nehmen das Zepter in die Hand und geben denen, die unter die Räuber gefallen sind, wieder Halt und Mut.

Und vor allem, es ist die Kraft, die uns die Macht des Todes überwinden lässt. Die Angst, das treibende Gefühl, im Leben etwas zu verpassen,…

Die Kraft seiner Auferstehung ist unter uns wirksam. Darum ist die Kirche ein Ort des Lebens.

VI.  Pfingsten - Kirche, ein Ort des Mitempfindens
Dazu bedarf es noch des dritten:

Da ist nun letztlich von der Kirche die Rede, die sich dem Geist der Weisheit und Offenbarung verdankt: Pfingsten feiern wir das.

Sie wird als Leib Christi beschrieben.

Welche Kraft wächst da heraus?

Es ist die Kraft, zu spüren, dass Christus uns gewollt hat, um sein Werk in Zeit und Raum fortzuführen. Wir stehen an Christi statt in dieser Welt.

Nicht dass sich daraus ein Herrschaftsanspruch ableiten ließe, das wäre ein Missverständnis: „Wir bitten an Christi statt…“ schreibt der Apostel Paulus.

„Bitten“ ist die angemessene Haltung der Stellvertreter Jesu auf Erden.

So wie Jesus als Irdischer wohl machtvoll beschrieben wird gegenüber Geistern, Dämonen, Mächten und Naturgewalten, nicht aber gegenüber Menschen, denen er mit Milde und Sanftmut, mit Wort und Argument, mit Streit und Versöhnung begegnete.

Das Bild vom Leib wird gerade dazu verwendet, Herrschaftsansprüche untereinander abzuwenden und in den Blick zu bekommen, dass wir nur miteinander Kirche sind.

Vielmehr gilt ein anderes: Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit. Kirche ist der Ort des Mitempfindens. Weint mit den Weinenden, seid fröhlich mit den Fröhlichen. Ein Ort, wo Menschen Anteil aneinander nehmen. Hier vor Ort und weltweit. Und darum füreinander da sind, füreinander einstehen.

Ein Ort, der über sich hinausweist auf die Fülle, die Gott uns Menschen schenkt, an dem darum gelobt und gebetet wird, gefeiert und musiziert, gelacht und diskutiert, geliebt und geglaubt und gehofft.

Nichts davon zu sehen?

Dann lasst uns beten:

Gott, darum bitten wir dich,
dass du uns erleuchtete Augen des Herzens gibst,
damit wir deine Kraft und Stärke unter uns erkennen und sie leben.
Die Kraft Deiner Macht über Mächte und Gewalten,
dass wir es lernen, in Freiheit zu leben.
Die Kraft Deiner Auferstehung,
dass wir das Leben leise lernen.
Die Kraft Deines Geistes,
dass wir werden, was wir sind.
Amen.

Sonntag, 29. April 2012

Nicht müde werden...


Predigt zu 2. Korinther 4,16-18

2. Korinther 4,16-18

Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.
Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

I.

„Die Welt will Sieger sehn!“ Liebe Gemeinde, nicht nur im Fußballstadion, wo es den einen häufiger und den Kölnern eher seltener geschenkt ist, - sondern in den Medien überhaupt: die Casting-Shows beispielsweise beziehen daraus ihre Attraktivität und selbst in den Spitzen-Talk-Shows müssen noch die Verlierer, die Gescheiterten und Gelähmten präsentiert werden als die, die ihr Schicksal besiegt haben.

Wir wolln euch siegen sehn, wir wolln euch siegen sehn, wir wolln, wir wolln euch siegen sehn.


Anthropologen sagen ja, es sei uns Menschen evolutionär ins Stammbuch geschrieben: Du musst das Siegen lernen, um in der Horde eine Position zu gewinnen, die Dir das Überleben sichert. Denn nur die Siegermännchen finden auch ein Siegerweibchen.


Darin ist unsere Gesellschaft wohl kaum weiter entwickelt als eine Horde Paviane: Anderen den Rang ablaufen, einen Spitzenplatz ergattern, eine Sprosse weiter klettern … Die Welt will Sieger sehen.


Das macht ganz schön Druck.


Aus der Schule können Schülerinnen und Schüler davon gewiss ein Lied singen.

Vielleicht auch aus der Familie, nicht selten unter Geschwistern.

Andere kennen es aus ihrem Studium oder ihrem Berufsleben: Einen Job finden. Weiterkommen. Sich gegen die Konkurrenz behaupten.


Nicht selten gewinnt dieser Kampf eine Intensität, die ein sportliches Maß bei weitem übersteigt. „Burn out“ mag als medizinische Diagnose untauglich sein. Aber das Phänomen des „Ausgebrannt seins“, des „Müde-geworden-seins“ ist nicht von der Hand zu weisen. Dass einer schlichtweg des Kämpfens müde ist. Dass eine dem Druck nicht mehr gewachsen ist und in sich zusammenfällt wie ein Kartenhaus.


Doch wir - wolln Sieger sehen.


II.

Die Gemeinde in Korinth wohl auch.

Es wäre ja auch eine verkehrte Zeitkritik, wollten wir so tun, als wäre das, was ich beschrieb, ein gänzlich neues Phänomen. Nur deshalb, weil sich das Sehen so sehr gewandelt hat, die Möglichkeiten teilzuhaben an Sieg und Niederlage der Menschen, nur deshalb ist der Umstand an sich ja nicht neu, dass wir Sieger sehen wollen.


Paulus schien den Korinthern dafür nicht mehr recht zu taugen. Ein Mann jenseits jugendlicher Dynamik – muss sich wohl selber eingestehen, dass sein äußerer Mensch verfällt – am Fuß des Älterwerdens scheint der Berg noch unbezwingbar. Muss ich da wirklich rauf?


Früher, ja, da hetzte er noch durch die gesamte damals bekannte Welt, getrieben nur von dem einen Willen, die gute Nachricht, das Evangelium aller Welt zu predigen: Von Syrien, wo’s grad mal wieder keine guten Nachrichten gibt, nach Kleinasien, auf Zypern und in Griechenland, später in Rom, gerüchteweise soll er sogar in Spanien gewesen sein. Die Power war einmal.


Jetzt aber sitzt er fest und kommt nicht los, um den Korinthern selber Rede und Antwort zu geben auf die vielen Fragen, die sich stellen, wenn die Väter gegangen sind.


Ob es was geholfen hätte, wenn er hätte reisen können. Wo sie doch längst gewohnt sind, besseren Rednern zu lauschen als ihm. Machen es ihm sogar zum Vorwurf, er könne gewaltig schreiben, sei aber kleinlaut und schwach, wenn er den Mund aufmache.


An so viel Kritik, an solch angefochtenen Positionen, an so wenig Einverständnis, da kann man müde werden.


III.

„Darum werden wir nicht müde…“ schreibt er. Und lässt damit keinen Zweifel, dass die Müdigkeit ein ernstes Thema ist.

Die Müdigkeit, die sich einstellen kann, wo immer wir gegen den Druck angehen müssen, um am Ende vielleicht doch noch einen Sieg davon tragen zu können, und sei er noch so klein.


Übrigens, was Luther mit „Trübsal“ übersetzte – an anderen Stellen mit „Bedrängnis“ – man kann es getrost mit „Druck“ übersetzen. Und das soll mir keiner erzählen, dass dieser permanente Druck nicht ermüdend ist…


„Wir aber werden nicht müde…“, schreibt Paulus gegen das, was nahe läge. Wie geht das? Wie schützt er sich und uns davor?


IV.

Bevor ich unseren Blick dazu auf die Antworten aus unserem Predigttext lenke, lassen sie mich einen kleinen Exkurs machen.

Denn schon am Anfang des Kapitels schreibt Paulus davon, dass „wir nicht müde werden.“


Und begründet es mit dem Amt, das ihm gegeben ist: „Darum, weil wir dieses Amt haben nach der Barmherzigkeit, die uns widerfahren ist, werden wir nicht müde…“


Mir gibt das zu denken angesichts der Vielzahl von Pfarrerinnen und Pfarrern, von kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die amtsmüde werden und mit „Burn out“ ausfallen und frage mich: Was läuft da schief im Amtsverständnis, wenn das Amt, das wir haben, uns nicht mehr davor bewahrt, müde zu werden.


Vielleicht liegt der Unterschied darin, dass Paulus sich von seinem Amt getragen fühlt, wir aber meinen, wir müssten das Amt tragen.


Da gilt es, glaube ich, noch viel zu entdecken – nicht nur – und deshalb habe ich es ja aufgegriffen - auf dem Weg einer Vikarin zur Pfarrerin, sondern auch bei den Amtsinhaberinnen und -inhabern und unseren Gemeinden. Der Hinweis mag für heute morgen ausreichen.


V.

Weil nun aber nicht jeder ein Amt hat, das ihn trägt, darum noch einmal in unseren Predigtext geschaut. Was setzt Paulus gegen die Müdigkeit?

Paulus hat für sich einen Weg gefunden, den er weitergibt und der heilsam sein kann für einen jeden und eine jede unter uns, die unter Druck steht.


Und der wäre?


Eine veränderte Sicht der Dinge. Wo die Welt Sieger sehen will, da öffnet ihr Paulus einen andern Blick, verschiebt die Koordinaten, die wir uns zurechtgelegt haben, um die Wirklichkeit zu beurteilen.


a)

Zum einen:

Paulus öffnet den Blick für das, was an der Oberfläche nicht sichtbar ist.

Dort, an der Oberfläche, dort siehst Du den äußeren Menschen. Was aber ist unter der Haut? Der äußere Mensch verfällt, wohl wahr. Aber der innere, der kann doch Tag für Tag erneuert werden.


Und dann stehst Du morgens vor dem Spiegel und siehst die schlaflosen Augen, die müden Falten im Gesicht. Und doch: Ein neuer Morgen.


„Ich sehe was, was Du nicht siehst“


Der Blick auf das, was nicht sichtbar ist, entmachtet die Dominanz der Siegerbilder. Denn für gewöhnlich entscheidet das äußere Bild über Sieg und Niederlage.


Paulus aber rückt das in den Blick, was darunter zu sehen ist. Und da mag es sein, dass Sieger verletzlich und einsam sind, dass Verlierer stark und engagiert.


Mit diesem Blick hinter die Kulisse des äußeren Menschen eröffnet Paulus eine Option für die Kraft des inneren.


Und eine zweite Koordinate unserer Wahrnehmung verschiebt der Apostel: Die der Zeit.


Denn für gewöhnlich zählt der kurzfristige Sieg im jetzt und sofort.


Paulus öffnet demgegenüber den Horizont der Ewigkeit. Und was gelten schon vor der Ewigkeit, die Kämpfe und Siege unserer Zeit.


So manch ein Kampf verliert an Bedeutung, stelle ich ihn in einen zeitlich weiteren Horizont. So manch ein Sieg ist nichtig und klein im Licht der Ewigkeit betrachtet. Muss ich also kämpfen.


V.

So setzt der Apostel gegen die Müdigkeit eine andere Wahrnehmung.

Eine Wahrnehmung, die sich nicht festsieht an den äußerlichen Triumphen und sich nicht bannen lässt von den Siegen dieser Zeit, sondern einen Sensus hat für das, was nicht sichtbar ist und die Zeit aufgehoben weiß in der Ewigkeit.


Was draus werden könnte ist eine Lebenshaltung, die für mich niemand besser beschrieben hat als Hilde Domin in ihrem Gedicht: „Nicht müde werden“


Nicht müde werden,

sondern dem Wunder,
leise
wie einem Vogel 

die Hand hinhalten.

Amen. 


[Die Predigt ist inspiriert von Johanna Haberer, Die Entmüdung. Göttinger Predigtmeditationen 66 (2012) 231-236.]

Mittwoch, 25. April 2012

Nicht müde werden...

Ich war schon etwas nachlässig mit dem Einstellen von Predigten, stelle ich fest.

Da passt es, dass der Predigttext für kommenden Sonntag ein Wort gegen unsere Müdigkeit bereithält:

Darum werden wir nicht müde; 
sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt,
so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.

Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist,
schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit,
uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare.
Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.
 
Ich freu mich auf Sonntag!



Sonntag, 25. März 2012

Adam, wo bist Du?

Predigt in der Predigtreihe: "Was ist der Mensch?"
„Was ist der Mensch?“ – Heute: „Das Ohr“


Liebe Gemeinde, vielleicht noch einmal ein grundsätzlicher Gedanke vorweg: Wir haben ja einen Zugang zum Thema des Menschseins gewählt, der erklärungsbedürftig ist. Denn er geht grundsätzlich von der Leiblichkeit des Menschen aus und fragt von den Gliedern oder Organen des Leibes nach Grunddimensionen des Menschseins.


Dahinter steht ein aus den Quellen der Bibel gewonnenes Denken, das in unserer Denktradition weitgehend verloren gegangen ist und erst auf Umwegen – zum Beispiel durch die anthropologische Medizin in den 50er Jahren oder die psychosomatische Medizin wiedergewonnen wurde, nämlich eine ganzheitliche Sicht des Menschen, in der klar ist, dass der Mensch kein Geistgewesen ist, und dass der Leib nicht etwas Sekundäres, vom eigentlichen Menschen, seinem vielleicht in der Seele vermuteten Wesenskern, zu Unterscheidendes.


Der Mensch ist immer eine Einheit aus Leib, Seele und Geist.


Wir hatten das in Theologie und Frömmigkeit aus den Gedanken verloren, hatten in Platons Nachfolge Seele und Leib geschieden und den Leib in unserer Tradition gering geschätzt.


Dass wir ihn auf diesem Wege auch schutzlos dem Missbrauch durch Arbeit, Sexualität und Ideologie preisgegeben haben, gehört zu dieser Geschichte dazu.


Biblischem Denken ist das völlig fremd; da gibt es eine Linie der Kontinuität von der ersten Erzählung der Schöpfung bis zur paulinischen Auferstehungshoffnung.


Demnach hat der Mensch keinen Leib, sondern er ist Leib.


Er ist lebendige Materie, Erde vom Acker, lebendig gemacht durch den Lebensatem Gottes: Und so wurde aus Erde vom Ackerboden – hebräisch Adamah – der Mensch – hebräisch: Adam.


Es gibt den Menschen nicht ohne seinen Leib, es gibt auch keinen unzerstörbaren Kern, der im Leib wohnt oder gefangen ist – jedenfalls nicht in der biblischen Tradition.


Weil das aber so ist, dass der Mensch nicht ohne Leib existiert, darum ist auch die Gottesbeziehung ganz leiblich. Bis hin zur Auferstehung, die sich Paulus nicht anders vorstellen kann, als in einem verklärten Leib, aber in einem Leib.


Weil nun Gott diese tote Materie durch seinen Atem zum Leben erweckt hat, es also die in uns wirkende Lebenskraft Gottes ist, die unseren Leib, unseren Geist und unsere Seele lebendig macht, darum hat auch die Materie, hat auch der Leib, hat jedes Körperteil einen Gottesbezug.


Die Bibel weiß für jedes Gliedmaß und jedes damals bekannte Organ einen Gottesbezug auszumachen.


Und also auch für das Ohr.


II.

Das Ohr nämlich, es ist nicht nur in der Alltagserfahrung jenes Organ, mit dem wir in besonderer Weise in der Lage sind, wahrzunehmen, was andere sagen, singen, klagen, flüstern… sondern es gilt als das Organ, das auch für die menschliche Wahrnehmung Gottes steht.

Denn Gott ist kein Gott, den man sehen kann – man kann seine Werke ansehen, die Wunder die er getan hat, ja, das wohl, aber ihn selbst kann man nicht sehen, sondern nur hören.


Gott lässt sich hören. Ganz zart zum Beispiel, so dass man die Ohren spitzen muss, wie es die Geschichte von Elia am Horeb erzählt: Wo Sturm, Feuer und Erdbeben zu hören sind, Gott sich aber hören lässt nicht im Sturm, im Feuer, im Erdbeben, sondern in einem zarten, sanften Säuseln, in einer verschwebenden, kaum hörbaren Stimme. Eine Geschichte, die wir in unserer lauten Zeit nicht oft genug bedenken können.


Gott, in der Stille zu hören.


Darum sind mir die geöffnete Kirche und der Raum der Stille so wichtig, weil wir ja keine wirklich „stillen Kämmerlein“ mehr haben, um auf Gott zu hören.


Sich einzuüben, in diese Kultur des Hinhörens, das ist eine ganz ursprüngliche spirituelle Übung. Der Knecht Gottes in Jesaja (50) betet: „Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet.“


Als Schüler früher bin ich immer etwas früher aufgestanden, um eine Zeit der Stille zu haben und mich nicht gleich in die laute Betriebsamkeit einer sechsköpfigen Familie zu stürzen.


Und heute genieße ich es, in Ruhe den Frühstückstisch zu decken, ehe die Betriebsamkeit einer ebenfalls wieder sechsköpfigen Familie losgeht.


Der Hinweis, den ich damit geben will, ist der, sich in den Vollzügen unseres Alltages einzuüben ins Schweigen und Hören. Ob das nun beim Abwaschen, beim Spülen, beim Autofahren oder Kinderwagen schieben ist, beim Putzen oder Unkraut jäten, beim Kochen oder dem Gang zur Arbeit oder, oder, oder: Die Stille hören und die Ohren öffnen für das, was Gott zu sagen hat.


III.

Damit das jetzt nicht zu seicht wird, muss ich allerdings noch einmal von dort aus weiterfragen: Was heißt das denn für die Grundbestimmung des Menschseins, dass er in der Lage ist, zu hören, und dass Gott spricht?

Es heißt dies: Der Mensch ist grundsätzlich ein Angesprochener.


Und als Angesprochener steht er unter dem An-spruch Gottes, ist aufgerufen, ihm mit seinem Leben zu ant-worten, zu ent-sprechen.


Das heißt: Dem Anspruch Gottes entspricht die Ver-antwortung des Menschen.


Die Bibel macht es schon auf den ersten Seiten deutlich. Da haben Adam und seine Frau von der verbotenen Frucht gegessen. Und verstecken sich nun im Gebüsch. Und der Herr geht durch den Garten und ruft: „Adam, wo bist du?“


„Adam, wo bist du?“ – „Mensch, wo bist du?“


Weil Gott uns zwei Ohren gegeben hat, stehen wir allesamt unter diesem Ruf: „Mensch, wo bist du?“


Es ist der Ruf Gottes, dem ich mich nicht entziehen kann. Vor dem es keine Ausreden gibt. Es mag ja sein, dass wir uns in unserer Gesellschaft wunderbar vor jeder Verantwortung drücken können.


Wir bleiben aber unter dem Anruf Gottes: „Adam, wo bist du?“


Wo bist du, wenn es um die Not und das Leid des Nächsten geht? Wo bist du, Mensch, wenn es darum geht, die Schwachen zu stärken, mit den Müden zu reden, Trauernde zu trösten…


Wo bist du, Mensch, wenn es darum geht, die Schöpfung zu bewahren und unseren Kindern eine lebensfähige, lebenswerte und zukunftsfähige Welt zu überlassen.


Adam, wo bist Du, wenn es darum geht, unsere Gesellschaft zu gestalten, die Gemeinde aufzubauen… wo bist du?


Apropos Gemeinde: Wissen sie wie das griechische Wort für Kirche heißt? „Ekklesia“ – auf deutsch übersetzt: heraus-gerufen. Wir sind die Herausgerufenen aus der scheinbar anonymen Masse, Herausgerufen durch die Taufe. Und damit gemeinsam mit dem berufenen Volk Israel unter Gottes besonderen Schutz und Auftrag gestellt.


Adam, wo bist Du? Das ist im biblischen Verständnis die Grundbestimmung des Menschen: Gerufener zu sein, Angesprochen von Gott. Von ihm beauftragt und ihm verantwortlich.


Darum durchzieht die Bibel auch die Einladung, mit der wir sie am Beginn des Gottesdienstes begrüßt haben: „Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt Eure Herzen nicht.“


Wer Ohren hat zu hören, der höre.

Sonntag, 11. März 2012

Und noch einmal: Lass Dir an meiner Gnade genügen

Predigt im Nachtfaltergottesdienst "Stark und mächtig"
Sie merken, so einfach ist das nicht mit der Stärke und der Schwäche.

Und das ist ja schon einmal ein Erkenntnisgewinn, den wir gleich adeln wollen, wenn wir ihn in einen Zusammenhang stellen mit einem Bibelwort, das die Christenheit als Losung für diese Jahr begleiten soll: „Jesus Christus spricht: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“

Der geadelte Erkenntnisgewinn:
Es ist noch längst nicht klar, ob eine Stärke Stärke und eine Schwäche Schwäche ist.

Wer entscheidet eigentlich darüber?

Der Abteilungsleiter, der beurteilt, wie gut meine Fähigkeiten nutzbar sind zur Normerzielung des Betriebes?

Objektive Kennzahlen wie im Sport, die den Vergleich mit anderen erlauben?

Ach ja, die anderen, an denen ich mich messen lassen muss?

Gesellschaftliche Konventionen?

Wer entscheidet, was Stärke und was Schwäche?

Der Kampf ums Überleben – The survival of the fittest.

Das haben wir im Ohr als „Das Überleben des Fitteren“, die Macht des Stärkeren.

So hat es dann auch der Sozialdarwinismus aller Zeit gebraucht und auch Darwin selbst war davor nicht gefeit.

Sozialdarwinismus als die Übertragung der Erkenntnisse Darwins von der natürlichen Auslese und der Selektion von Arten auf menschliche Gesellschaften, meist banalisiert als die „Macht des Stärkeren“.

Darwin selbst hatte dazu schon den Ansatz gegeben, wenn er in seinem Buch „Die Abstammung des Menschen“ schrieb:

"Bei Wilden werden die an Geist und Körper Schwachen bald beseitigt und die, welche leben bleiben, zeigen gewöhnlich einen Zustand kräftiger Gesundheit. Auf der andern Seite thun wir civilisierte Menschen alles nur Mögliche, um den Process dieser Beseitigung aufzuhalten. Wir bauen Zufluchtsstätten für die Schwachsinnigen, für die Krüppel und die Kranken; wir erlassen Armengesetze und unsere Aerzte strengen die grösste Geschicklichkeit an, das Leben eines Jeden bis zum letzten Moment noch zu erhalten. (…) Hierdurch geschieht es, dass auch die schwächeren Glieder der civilisirten Gesellschaft ihre Art fortpflanzen. Niemand, welcher der Zucht domesticirter Thiere seine Aufmerksamkeit gewidmet hat, wird daran zweifeln, dass dies für die Rasse des Menschen im höchsten Grade schädlich sein muss. Es ist überraschend, wie bald ein Mangel an Sorgfalt oder eine unrecht geleitete Sorgfalt zur Degeneration einer domesticirten Rasse führt; aber mit Ausnahme des den Menschen selbst betreffenden Falls ist wohl kaum ein Züchter so unwissend, dass er seine schlechtesten Thiere zur Nachzucht zuliesse.“

„Die Schwachsinnigen, die Krüppel und die Kranken…“ – die Eugeniker aller Zeiten meinten stets zu wissen, was „stark“ und lebenswert und was „schwach“ und „lebensunwert“ ist.

Übrigens: Wer bei Darwin genau hinschaut, entdeckt, dass „Survival of the fittest“ nicht das Überleben „der Fittesten“ meint, sondern das Überleben derer, die am besten „angepasst“ sind.

Immerhin bedenkenswert: Denn vielleicht ist es ja so, dass manches, was in unserer Gesellschaft als „Stärke“ gilt, in Wahrheit nichts anderes ist als spießige Angepasstheit.

Wie sich leicht zeigen ließe zum Beispiel an der Hochschätzung extrovertierten Verhaltens in unserer Gesellschaft: Wer den Mund aufmacht, wer vorneweg ist, wer sich inszenieren kann, wer kommunikativ ist… - gilt uns gerne als stark und fit.


Paulus war das nicht. Seine Gegner warfen ihm vor, er bekäme den Mund nicht auf, wenn er da wäre. Könnte große Töne spuken, wenn er aus der Ferne schreiben würde, aber bliebe eher kleinlaut, wenn er unter ihnen wäre.

Und in dieser Situation hinein, in der sich Paulus schwach, ohnmächtig und angefochten fühlt, hört er das Wort Gottes: „Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Und erlebt damit, wie ein anderer sich die Deutungshoheit vorbehält, zu entscheiden, was Stärke und was Schwäche, wo Kraft und Macht, Ohnmacht und Schwäche sind.

Nein, ihr lieben Menschen, es ist nicht an uns, es ist auch nicht an unserer Gesellschaft, es steht in keines Menschen Macht, zu entscheiden, was Schwach und Stark, was Macht und Ohnmacht ist.

Menschliches Urteil mag in bestimmten Kontexten eigene Kriterien haben, aber das gilt dann nur in diesem Kontext. Und in einem anderen Kontext schon kann das, was man gemeinhin für Stärke hält, eine Schwäche und was wir für Schwäche halten, eine Stärke sein.

Und über allem und vor allem steht Gottes Gnade. Sein gnädiger Umgang mit all unseren Schwächen, unserem Versagen, unserer Ohnmacht.

II.
Damit komme ich zum Zweiten, was mir wichtig geworden ist. Nämlich dies, dass bei Gott eine Umwertung unserer Werte möglich ist.

Es mag ja sein, dass ich im gesellschaftlichen Kontext an dieser oder jener Stelle meine Schwächen habe. Gewiss.

Es mag ja sein, dass mich in meinem Tun das Gefühl der Ohnmacht begleitet.

Es mag ja sein, dass ich mit vielem an mir und in mir nicht zufrieden und unglücklich bin.

Dann ist dies aber nicht das letzte, was dazu zu sagen ist. Sondern unter Gottes Gnade kann aus all meinen Schwächen eine Stärke werden. Seine Kraft bedient sich geradezu der Schwäche der Menschen.

Wenn man sich zum Beispiel einmal anschaut, mit welchen Menschen Gott seine Geschichte schreibt, dann findet man allenthalben Menschen, die Schwächen vorbringen: Noah ein Alkoholiker, Mose ein Stotterer, der sagt: „Ich kann nicht reden“ und doch zum Pharao geschickt wird, Jakob ein Betrüger, Jeremia einer, der sich selbst noch viel zu jung hält, Rahab eine Hure, Petrus ein Choleriker, Paulus ein Introvertierter und so weiter.

Aber Gott beruft sie und erweist in diesen Menschen mit ihren Schwächen seine Kraft.

Es ist Gottes Kraft, die unsere Schwächen in Stärke, unsere Ohnmacht in Kraft zu wandeln vermag.

Und damit komme ich zum Dritten, was uns wichtig geworden ist. Nämlich dies, dass uns Gottes gnädiges Urteil und seine Kraft auch in Anspruch nehmen, mächtig zu werden.

Nicht im Sinne einfacher Hierarchie, nicht als Unterdrückung anderer, sondern als Wirksamkeit.

Schwäche, liebe Gemeinde, schwäche ist kein Argument fürs Nichtstun. Ist keine Ausrede. Das zeigen die Berufungsgeschichten der Bibel.

Ich kann mich nicht dahinter verstecken. Nein, sondern bin ohne Ansehen gerufen, Gottes Kraft in der Welt mächtig werden zu lassen.

Das kann heißen, sich einzusetzen für die, die gesellschaftlich schwach und diskreditiert sind. Kann heißen, seinen Mund aufzutun für die Schwachen.

Kann aber auch einfach heißen, sich den Stempel der andern nicht aufdrücken lassen.

Kann heißen, die Möglichkeiten Gottes in meinem Leben zu entdecken. Kann heißen, meine Schwächen daraufhin zu befragen, welche Stärken in ihnen stecken. Kann heißen, sie annehmen und trotzdem leben, fröhlich und frei. Um Gottes Willen.

Also: Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn dann stehst Du unter einem anderen Urteil als dem der Menschen – und es spricht dich frei.

…denn meine Kraft: entdecke, welche Kraft, welche Möglichkeiten Gott in deine Schwächen hineinlegt.

…und sie ist ín den Schwachen mächtig: So dass Du etwas tun kannst mit dem, was Du bist.

Schwach und mächtig.

Amen.

Montag, 27. Februar 2012

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade - siehe, jetzt ist der Tag des Heils!



oder:

"Geistreiche Exerzitien auf Ostern hin"

Predigt zu 2. Korinther 6,1-10


Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch,
dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.
Denn er spricht (Jesaja 49,8):
»Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört
und habe dir am Tage des Heils geholfen.«
Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade,
siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß,
damit unser Amt nicht verlästert werde;
sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes:
in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten,
in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen,
in Mühen, im Wachen, im Fasten,
in Lauterkeit, in Erkenntnis,
in Langmut, in Freundlichkeit,
im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe,
in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes,
mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,
in Ehre und Schande;
in bösen Gerüchten und guten Gerüchten,
als Verführer und doch wahrhaftig;
als die Unbekannten und doch bekannt;
als die Sterbenden, und siehe, wir leben;
als die Gezüchtigten und doch nicht getötet;
als die Traurigen, aber allezeit fröhlich;
als die Armen, aber die doch viele reich machen;
als die nichts haben und doch alles haben.

Bin gefahren. Längere Zeit, einige hundert Kilometer wohl.

Hab’s Ziel erreicht, Gott sei Dank. Ausgeladen. Mich ans Auspacken gemacht. Halte ein Kleidungsstück oder ein Buch in der Hand. Versinke einen Augenblick ins Ort- und Zeitlose.

Ich bin nicht mehr unterwegs, aber die Fahrt hat mich noch nicht freigegeben. Ich bin angekommen, aber noch nicht da. Ein Moment der Leere, der irgendwie ängstet, eine Art Schrecksekunde, ein Moment der Hemmung und Lähmung, in der ich nicht recht weiß, was tun. Oder weiß ich es, aber mag nicht?

Vielleicht kennen Sie das.

Als Kinder Gottes, liebe Gemeinde, sind wir unterwegs und als Christenmenschen um Jesu Christi willen wohl angekommen in einer neuen Zeit…

und sind doch noch nicht da, wissen nicht, was mit uns und der Welt anfangen - und wenn wir’s wüssten, möchten und könnten wir’s nicht.

Darum die Mahnung des Apostels: „... dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.“

Die neue Zeit, liebe Gemeinde, in der wir angekommen sind, ist die Zeit „post Christum natum“, nach Jesu Geburt:

Zweitausendundzwölf Jahre feiern wir nun diese neue Zeit, und sind immer noch nicht da.

Ob wir ihr in diesem Jahr näher kommen?

Die neue Zeit, liebe Gemeinde, ist die Zeit, so der Apostel, - ich zitiere, was er vor unserem Predigttext geschrieben hat - „da Gott in Christus war und die Welt mit sich selber versöhnte und ihnen ihre Sünden nicht zurechnete und unter uns aufgerichtet hat das Wort von der Versöhnung.“

Wären wir in dieser neuen Zeit angekommen, dann wären wir „in Christus“: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“

So weit in groben Strichen die Zeitansage des Apostels.

II.
Nein, liebe Gemeinde, das müssen wir erst noch einholen mit unserem Verstehen erst und dann mit unserem Leben.

Vielleicht fiele uns das „Einholen“, das Nahekommen und Hereinholen ins Leben leichter, wären wir nicht irgendwie ständig auf der Überholspur.

Die Flüchtigkeit hat uns im Griff.

Ob es nun die rasante Beschleunigung auf unseren Straßen oder im Rhythmus unseres Lebens ist: Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert einer gigantischen Beschleunigung und sie wird von Cebit zu Cebit und Automesse zu Automesse schneller.

Vielleicht hat es mit dieser Beschleunigung unseres Lebens zu tun, dass wir einfach nicht da sind, in der neuen Zeit.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir überhaupt Schwierigkeiten haben, einfach „da“ zu sein, sind wir doch meistenteils immer schon wieder weg und andernorts, bei anderer Arbeit, bei anderem Tun, in andere Zeit.

„Fahren macht fahrig“, schreibt Kurt Marti in seinem Buch „Högerland. Ein Fußgängerbuch. „Fahren macht fahrig, Schritte sind Wurzeln. Gehen also. Sehen.“

Vielleicht wäre die Passionszeit, eine gute Zeit, um uns mit dem Apostel auf den Weg zu machen in die neue Zeit Gottes, Schritt für Schritt, mit der Geduld eines Beppo Straßenkehrers: der nächste Atemzug, der nächste Besenstrich, der nächste Schritt…

Wenn Sie so wollen, schlage ich ihnen mit dieser Predigt geistreichte weil geistliche Exerzitien vor.

Exerzitien, belehrt mich das Lexikon, seien geistliche Übungen, herkommend aus der christlichen Mystik, die das Ziel der unio mystica, des Einswerdens mit Gott, verfolgen.

Wie war das bei Paulus: „Ist jemand in Christus, dann ist er eine neue Kreatur.“ Dann können unsere Exerzitien doch wohl nur zum Ziel haben, diesem „In Christus“-Sein mit unserem Leben zu entsprechen, „neu zu werden“.

Vier Schritte schlägt der große Exerzitienmeister, Ignatius von Loyola vor. Vier Schritte, das gibt uns bei 40 Tagen Passionszeit jeweils 10 Tage Zeit, einen neuen Schritt zu gehen.

III.
Nun soll aber nicht Ignatius Meister unserer Exerzitien sein, sondern Paulus selbst, der, der uns ermahnt, in der Gnade Gottes zu leben. Hören wir also auf ihn:

1.
Siehe jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.

Das wäre wohl der erste Schritt, den es zu lernen gilt. Post Christum natum, nach Christi Geburt, Leben, Tod und Auferstehung, gibt es für uns keine Zeit mehr außerhalb der Gnade und Liebe Gottes, keine Welt mehr ohne Gott, kein Menschsein mehr ohne ihn.

Ob nun im vergangenen Jahr oder in diesem oder im nächsten. Es gilt: Unsere Zeit ist Gottes Zeit. Und zwar jetzt, in diesem Augenblick.

Darin möchte ich mich einüben, den Augenblick heilig zu achten.

Jetzt, dieser Moment zum Beispiel hier mit ihnen im Gottesdienst ist die Zeit, in der mir und ihnen Gott Gnade und Heil zukommen lässt.

Jetzt, dieser Augenblick.

Es ist eine riesige Versuchung, das Heil in der Zukunft zu suchen oder in der Vergangenheit zu sehen.

Wer diesen Blick hat, und es geht vielen von uns so, läuft im Grunde immer unzufrieden durch das Leben, weil er nie mit sich und seiner Zeit gleichzeitig ist, sondern gedanklich immer schon oder noch woanders.

Mit Paulus wäre dies die Übung für die ersten 10 Tage: den Augenblick zu heiligen, im „jetzt“ die mir von Gott geschenkte Zeit sehen.

Jetzt und jetzt und jetzt.

Jede Sekunde, jeder Pulsschlag, jeder Augenblick: Gottes Zeit.

2.
Der zweite Schritt geht über den ersten hinaus.

„Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe jetzt ist die Zeit des Heils“.

Gnade und Heil. Paulus hatte vorher den Korinthern noch einmal die Summe seines Evangeliums geschrieben: „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung“.

Darin liegt also das Heil und die Gnade, dass wir mit Gott versöhnt sind, um des Todes und der Auferstehung Jesu willen. Jesus ist um unserer Sünde willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferstanden. So sagt es Paulus.

Viele von uns haben zu diesen Gedanken und dieser Sprache einen direkten Zugang. Andere müssen darum ringen.

Vielleicht kann ich denen, die darum ringen müssen, mit folgendem Versuch helfen, das Alte neu zu verstehen.

Jesu Tod, wie jeder Tod, macht sein Leben zum Fragment. Ein Bruchstück, dem Vollendung und Vollkommenheit genommen sind. So hängt er am Kreuz und stirbt.

„Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen“ - Die Umstehenden bekennen es im Nachhinein. Gott selbst ist im Tod Jesu Fragment geworden.

Und dann die Auferstehung, in der das fragmentarische Leben von Gott her Vollkommenheit bekommt.

Ein für alle mal ist allem Streben nach Vollkommenheit der Boden entzogen. Indem Gott selbst sich zum Fragment stellt, können wir mit dem Fragmentarischen unseres Lebens leben.

Das wäre für mich der Schritt für die zweiten zehn Tage: Ich will es lernen mit dem Fragment in meinem Leben zu leben. Mich zu meiner Unvollkommenheit zu stellen.

Wie oft ist es das Streben nach Perfektion und Vollkommenheit, das uns daran hindert, diese Zeit und diesen Augenblick heilig zu halten.

Ich will darum lernen, als Fragment und dennoch glücklich zu leben.

Das wäre Gnade, das wäre Heil.

3.
Der dritte Schritt: 

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils“:

Auf den ersten Blick sind wir von der neuen Zeit Gottes meilenweit entfernt. Nicht nur, weil wir es noch nicht verstehen, so zu leben, sondern auch, weil diese, unsere Zeit der neuen Welt Gottes noch ganz und gar nicht entspricht.

Das allerdings galt für Paulus in noch viel höherem Maße: Wir lesen von Trübsal, Angst, Nöten, Schlägen, Gefängnissen, Verfolgungen, und noch mehr.

Nein, auch Paulus lebt nicht gerade wie im Paradies. Merkwürdig ist für mich jedoch, wie er ganz unvermittelt in seiner Reihung mit all den Leiden, die ihm widerfahren, plötzlich vom „heiligen Geist, der ungefärbten Liebe, dem Wort der Wahrheit und der Kraft Gottes“ spricht.

Offensichtlich sieht Paulus inmitten all dessen, was ihm widerfährt, die Kräfte Gottes.

„Siehe“ - vielleicht ist das eines der wichtigsten Worte in der Bibel, dieses immer wieder auftauchende „siehe“.

Die Bibel macht uns die Augen auf für Gottes Kräfte in der Welt.

Darin möchte ich mich in den dritten 10 Tagen einüben, die Spuren Gottes in der Welt zu entdecken, Gott am Werk zu sehen.

Was könnte das heißen?

Es könnte heißen, jeden Augenblick mit Gottes heilsamem und gnadenhaftem Wirken zu rechnen.

Es könnte heißen, mitten im Alltag damit zu rechnen, dass Gott es gut mit uns meint, es könnte heißen, im Alltag mit meinen Augen das Wunder suchen.

„Nicht müde werden,
sondern dem Wunder,
wie einem Vogel,
leise
die Hand hinhalten“

Vielleicht so. Ich will‘s üben, dem Wunder die Hand hinhalten.

Ausschau zu halten nach Gottes Heil und mit meinem Leben ein Landeplatz zu sein.

4.
„Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils“:

Die letzten zehn Tage mögen mich auf Ostern hin führen.

Ostern aber ist die radikalste aller möglichen Änderungen, wo dem Tod der Sieg genommen wird und das Leben alle Macht gewinnt.
Von daher wird die Wirklichkeit auf den Kopf gestellt. Auch der Tod verliert seinen Schrecken, aber erst von Ostern her.

Ostern im Blick und Paulus im Ohr ist dies die Übung für die letzten 10 Tage: Die Wirklichkeit im Licht des Ostermorgens zu sehen. Und das heißt, sie umzudeuten, anders zu interpretieren, dem Sein einen neuen Sinn zu geben.

Bei Paulus klingt das so: „als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die, die nichts haben und doch alles haben.“

Mich fasziniert, wie Paulus die Scherben seines Lebens ins Licht hält und ihren Glanz entdeckt.

Die Wirklichkeit wird radikal anders und neu gesehen.

Es ist nicht nur eine vage Möglichkeit, dass Gott in unserem Leben wirkt, sondern er tut es und das Leben wird neu.

Wer in Christus ist, der ist eine neue Kreatur. Dessen Leben bleibt nicht so, wie es ist. Der wird staunen, wie er in seiner Armut viele reich macht, wie er im Sterben noch das Leben entdeckt.

Ja, diese Zeit, mein Erleben hier und jetzt, ist die Zeit der Gnade und des Heils.

Das ist mein Gebet, dass wir am Ende unserer 40 tägigen Exerzitien da ankommen, wo Gott mit uns längst ist: In der österlichen Freude: Es singt der ganze Erdenkreis dem Gottes Sohne Lob und Preis, der uns erkauft das Paradeis.

Darum will ich mich aufmachen, schrittweise, ohne Eile:
  • den Augenblick zu heiligen als Zeit der Gnade und des Heils Gottes,
  • aus der Versöhnung heraus zu leben und darum meinen Vollkommenheitswahn verabschieden,
  • die Augen offen halten für das Wirken und die Wunder Gottes in meinem Leben und dem Leben der Gemeinde und schließlich
  • die Scherben meines Lebens gegen die Sonne halten, damit ich sehen kann, wie großartig und neu Gott meine Wirklichkeit verändert.


Mittwoch, 22. Februar 2012

"Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade..."

Am Sonntag möchte ich mit 2. Korinther 6,1-10 einladen, die Passionszeit als "Geistreiche Exerzitien auf Ostern hin" zu gestalten.

Der Text:
Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.
Denn er spricht (Jesaja 49,8): »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!
Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde;
sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten,
in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten,
in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe,
in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,
in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig;
als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet;
als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.