"...dass er auch mir gegeben ist!"

Ansprache zu Frage 53 des Heidelberger Katechismus
anlässlich der Ordination von Pfarrer Dr. Tobias Wieczorek
am Pfingstsonntag, 23. Mai 2021
in der Trinitatiskirche Bonn

Liebe Gemeinde,

in diesem Gottesdienst wird Pfarrer Tobias Wieczorek nach der Ordnung unserer Kirche ordiniert, und das heißt: Er wird mit dem Dienst der öffentlichen Verkündigung und Seelsorge sowie der Feier der Sakramente betraut. Wohlbemerkt: Mit der „öffentlichen“, denn das ist das unterscheidende Kriterium zwischen einem Ordinierten und einem nicht-ordinierten Christenmenschen, die Öffentlichkeit des uns allen aufgetragenen Dienstes, doch davon später mehr.

Tobias Wieczorek hat sich entschieden, sich in der Ordination „auf das Zeugnis der Heiligen Schrift, wie es ausgelegt ist in der reformierten Bekenntnisschrift unserer Kirche: dem Heidelberger Katechismus … zu verpflichten“. Die erste Frage des Heidelberger Katechismus, jenes prägenden Lehr- und Unterrichtsbuches im christlichen Glauben aus dem Jahre 1563 kennt wahrscheinlich der ein oder die andere: „Was ist Dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ – „Dass ich nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Jesus Christi eigen bin…“

Aber ab Frage 2 der 129 Fragen wird es dann dünne, oder, lieber Herr Wieczorek, kennen Sie aus dem Stehgreif die 53 Frage?

Muss jetzt auch nicht sein, aber nach dem Gottesdienst hoffe ich, dass Sie sie alle beherzigt haben. Die Frage 53 des Heidelberger Katechismus stellt – passend zu Pfingsten - eine elementare und doch sehr berechtigte Frage:

„Was glaubst Du vom Heiligen Geist?“

Und antwortet – nicht gleich als erstes aber dann doch an zweiter Stelle: „…dass er auch mir gegeben ist.“

… eine im lutherisch-protestantisch-volkskirchlichen Kontext – wenn wir ehrlich sind und den Geist in der Fülle seiner Wirksamkeit wahrnehmen – von mir aus als Taube vom Himmel und ihn nicht reduzieren auf den Spatz in der Hand: „Piep, piep, piep, wir ham uns alle lieb“ , wenn wir den Geist in seiner Gewalt und Macht wahrnehmen als Kraft, die Menschen begeistert und mitreißt und zu ungewöhnlichem Reden und Tun bewegt -– dann ist das eine überraschende, befremdliche und provokante Aussage: „Dass er auch mir gegeben ist!“

Aber wenn vom Geist die Rede ist, hat das Befremdliche wohl Tradition:

Schon die von Gottes Geist begeisterten Apostel zu Pfingsten in Jerusalem ernteten da Unverständnis und das Urteil: „Die sind voll süßen Weines!“

Die auf das „solus Christus“ – Christus allein – fixierte Reformation Martin Luthers hatte so ihre Schwierigkeiten mit den Charismatikern, den Geistbegabten und ihren sozial-utopischen Vorstellungen, nicht zuletzt deshalb, weil man um die Akzeptanz des reformatorischen Projektes bei Fürsten und Landesherren fürchtete. Die Details, wie man versuchte, diesen Geist der Geistbegabung auszutreiben, würde für eine Netflix-Serie taugen, ich erspare es mir und ihnen.

Und aus unserer eigenen jüngeren Geschichte ist uns die Skepsis gegenüber charismatischen Führern geblieben, die viel „Heil“ rufen und noch mehr Unheil bringen.

Gegenwärtig befremden uns charismatische Gemeinden und Freikirchen unter uns ebenso wie der Umstand, dass die weltweit am stärksten wachsenden Kirchen die Pfingstkirchen mit ihren geistbegabten Gottesdiensten sind. Dagegen ist die Ökumene mit den römischen Katholiken doch verhältnismäßig einfach.

Und nun also diese Zumutung des Heidelberger Katechismus, dass auch mir das gegeben ist, was ich vielleicht gar nicht haben will: Gottes Geist.

Damit stellt mich der Heidelberger Katechismus hinein mitten in diese geschilderte Pluralität der Geistbegabten und ermuntert uns, sie auszuhalten und vor allem aber, sie mitzugestalten.

Das ist – im Unterschied zur Christologie – die Dimension der Pneumatologie, der Lehre vom Heiligen Geist: Die Pluralität – die Vielfalt. Wenn es um Gottes Geist geht, geht es immer um Vielfalt.

Während die Christologie – solus Christus – immer nach der Einheit und Einheitlichkeit strebt, vermag der Geist die Vielfalt zu wahren und miteinander ins Spiel zu bringen: Schaun Sie: Es sind viele Sprache, die zu Pfingsten in Jerusalem gesprochen werden. Das Wunder ist, dass sie einander verstehen. Nicht, das daraus eins wird. Es geht nicht um Monotonie, sondern um Polyphonie, die aufeinander hört und sich versteht!

Der Geist also lädt uns in diese Vielfalt hinein. Und die Frage 53 hält sie in dem kleinen Wort „auch“ fest. Nicht alleine mir ist der Geist gegeben, sondern auch „mir“ – wie vielen anderen auch.

Die Einladung in eine Vielfalt, statt in die Monotonie.

Noch ein Gedanke dazu: Christus selbst hat – sozusagen als seinen Stellvertreter auf Erden – nicht den Papst gesandt, sondern den Heiligen Geist.

Und der ist auch mir gegeben. Als Akt festzumachen – nein, eben nicht an der Ordination, sondern an der Taufe. Und damit schließt sich dann doch der Bogen zur lutherischen Reformation. Denn da haben wir ja gelernt, dass wer aus der Taufe gekrochen ist, schon zu Priester, Bischof oder Papst geweiht ist.

Was also glaubst Du vom Heiligen Geist – „Dass er auch mir gegeben ist…“

Kleiner sollte das Selbstbewusstsein eines Christenmenschen nicht sein.

Sie merken, dass das kein Privileg der Ordinierten ist und darum auch Verkündigung und Seelsorge kein Exklusiv-Auftrag für den Klerus. Wir alle sind dazu begabt und begeistert. Die, die wir ordinieren, denen aber trauen wir zu, dass sie es in aller Öffentlichkeit tun, von Gott reden, was nicht geht, wenn sein Geist schweigt.

Darum bitten wir um Gottes Geist.

Amen.

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