„…s’ist leider Krieg – und ich begehre, nicht schuld daran zu sein!“

Predigt zu 1. Könige 19,1-13a
am Sonntag Okuli,
20. März 2022
in der Kreuzkirche Bonn 

                     (Kyriegebet:

                     Gott,

                     Er sagt, es sei kein Krieg: 

                     Die Bomben auf Kijew,

                     die Belagerung Charkiws,

                     die Zerstörung Mariupols.

 

                     Kein Krieg.

                     Und redet trotzdem vom Siegen,

                     Und dass es nichts Besseres gebe

                     Als sein Leben zu geben für viele…

 

                     Und wer was anderes sagt, 

                     dem droht die Haft.

                     

                     Die Bilder sprechen ein anderes:

                     Männer in Uniform,

                     Verstümmelte Kinder

                     Blutende Frauen

                     Alte auf dem Weg

                     ins Ungewisse

                     heraus aus Städten,

                     von denen wenig mehr bleibt als Trümmer und Rauch.

                     

                     Gott, Dir klagen wir dieses Leid.

                     Dir klagen wir unsere Ohnmacht und Hilflosigkeit und Wut.

                     

                     Mach ein Ende – wir wissen nicht wie – aber mach ein Ende.

 

                     Und bis dahin sei nahe denen, 

                     die geschlagen, gedemütigt, gefoltert und getötet werden

                     und jenen, die aufstehen, gegen den Krieg 

                     und die Frieden und Versöhnung suchen, 

                     denen stärke den Rücken!)

 

 

Er ist schon ein rechter Kerl, dieser Elia. Elitesoldat Gottes, wenn sie so wollen. Kämpfer für den rechten Glauben. Sein Name Programm: Elijahu – Mein Gott ist Jahwe. 

 

Was schert mich die ausgleichende Religionspolitik des israelischen Königs Ahab, der das Land zu Wohlstand und Macht führen will, eine Syrophönizierin, Isebel, heiratet und die Verehrung der kanaanäischen Gottheit Baal im eigenen Land duldet.

 

Wenn es um den rechten Glauben geht, da darf es keine Kompromisse geben. 

 

So tritt er denn auf, Elia, der Mann Gottes, gegen Ahab, den Mann der Welt, Glaube gegen Macht, sagt im Namen Gottes eine Dürre an, ein frontaler Angriff gegen Baal, der ein Gott der Fruchtbarkeit ist. 

 

Fordert sie heraus, die Propheten Baals zum Wettstreit auf dem Karmel: Wer kann denn wohl wahrhaft Feuer vom Himmel regnen lassen, Baal oder Jahwe? 

 

Zynisch die Beschreibung der Baalspropheten in der Bibel: Wie sie den Namen Baals anrufen vom Morgen bis zum Abend: „Baal, erhöre uns!“ Doch es war da keine Stimme noch Antwort. Sie hinkten um den Altar, den sie gemacht hatten. Als es Mittag geworden war, verspottete sie Elia und sprach: „Ruft laut! Denn er ist ja ein Gott; er ist in Gedanken oder hat zu schaffen oder ist über Land oder er schläft vielleicht, dass er aufwache.“ 

 

Und sie riefen laut und ritzten sich mit Messern und Spießen nach ihrer Weise, bis ihr Blut herabfloss... doch da war keine Stimme noch Antwort.

 

Doch dann Elia: gießt Wasser auf den Stier, dass es nur so spritzt, spricht ein Gebet und da fiel das Feuer vom Himmel und fraß das Brandopfer, Holz, Steine und Erde und leckte das Wasser auf im Graben. Eine überzeugende Performance! 

 

Da rief das Volk: „Jahwe ist Gott!“ Endlich auf seiner Seite, endlich. 

 

Welche Gelegenheit: Elia aber sprach zu ihnen: „Greift die Propheten Baals, dass keiner von ihnen entrinne!“ Und er führte sie hinab an den Bach Kischon und tötete sie daselbst, vierhundertfünfzig an der Zahl.

 

Liebe Gemeinde, diese Ereignisse im Hintergrund, lasst uns die Geschichte hören, die sich daran anschließt und die heute zu predigen ist; 1. Könige 19,1-13:

 

Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte. 

 

Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast! 

 

Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort. 

 

Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Ginster und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. 

 

Und er legte sich hin und schlief unter dem Ginster. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. 

 

Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. 

 

Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb. Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. 

 

Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia? Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn die Israeliten haben deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen. 

 

Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber. 

 

Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.

 

I.

Schwer geht die Zunge, liebe Gemeinde, am Tage, da Krieg ist.

 

s’ist Krieg, s’ist Krieg! O Gottes Engel wehre,

Und rede Du darein!

s’ist leider Krieg – und ich begehre,

Nicht schuld daran zu sein!

 

dichtete Mathias Claudius.

 

Weil ich aber dessen nicht gewiss sein kann, nicht auch schuld daran zu sein, und weil ich zugleich nicht weiß, was jetzt recht zu tun und zu lassen wäre, darum geht sie schwer die Zunge, und ich möchte lieber schweigen, hätten wir nicht unseren Mund aufzutun für die Schwachen. Und sei es zur Klage, hilflos formuliert: Es ist genug. 

 

Es ist genug!

 

Es ist genug des Mordens und Schlachtens, es ist genug der Bilder vom Triumph der Waffen, es ist genug vom eitlen Wahn der Mächtigen, die sich feiern in Stadien unter wogenden Fahnen und im Gestus frommer Prediger auf den Kanzeln der Macht – Heiliger Krieg! Und es gibt nichts Besseres, als sein Leben zu verlieren für die Freunde!

Es ist genug!

 

So sitze ich denn unter dem Wachholderbusch und wünschte zu schweigen. Zu schweigen angesichts der bitteren Erkenntnis: Wir sind nicht besser als unsere Väter waren. 

 

Wir sind nicht besser als unsere Väter waren. Verkauften Freiheit für Gas, wie wir im Zweifelsfall immer lieber den Gewinn nahmen als Würde, Freiheit, Gerechtigkeit und Recht. Es ist pervers, wenn in dieser Situation wie zum Beweis des kapitalistischen Unheils Weltkonzerne auf Kosten der Allgemeinheit Preise treiben und Gewinne maximieren. Es ist pervers, aber es ist nichts Neues. 

 

Wir sind nicht besser als unsere Väter waren. Das „Nie wieder“ ging uns wohl immer wieder wohlfeil über die Lippen, um dann, wenn wieder einmal Städte in Asche und Rauch versinken, hilflos zuzuschauen. „Was lasst ihr euch das kosten?“ Die Frage des ukrainischen Präsidenten hören wir wohl, mit einer Antwort tun wir uns schwer. Sie könnte uns Wohlfühlen und Wohlstand kosten. Das lässt zögern. Nichts Neues. 

 

Wir sind nicht besser als unsere Väter waren: Der Herr im Kreml setzt auf Gewalt und Demonstrationen der Macht, auf Gefängnisse und Unterdrückung. Und stützt seinesgleichen. Diktatoren unter sich: Lukaschenko, Assad, Kadyrow, Putin. Männer, die das Recht des Stärkeren über die Stärke des Rechts setzen. Solche Bünde der Gewalt kennt die Geschichte zur Genüge. Nichts Neues.

 

Zugleich stützt er seine Macht auch auf religiöse Führer, biblische Versatzstücke und die Behauptung eines höheren Rechts. Und fassungslos hört die Ökumene die unsäglichen Worte des Moskauer Patriarchen und findet doch keinen Weg, ihn vom Irrglauben abzubringen, zu sagen „Es ist genug!“

 

Und so ist also mal wieder Krieg. Näher dran an uns als jener in Syrien oder im Jemen oder in Armenien oder im Sudan oder in Mali oder…

 

Jetzt in Europa, da, wo Frieden und Wohlstand sich innig umarmten, während wir auf den Kuss von Frieden und Gerechtigkeit vergeblich harrten.

 

Jetzt also Krieg. Gewalt. Tod.

 

„Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen

Und blutig, bleich und blass,

Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,

und vor mir weinten, was?“

 

Wir können unsere Hände nicht in Unschuld waschen.

Jetzt nicht und niemals nicht. Das ist die bittere Erkenntnis, die uns mit diesem Krieg näherkommt als mit anderen oder mit dem Hunger oder den Klimafolgen oder, oder, oder… Wir können unsere Hände nicht in Unschuld waschen.

 

Und wer sich dieser Verantwortung bewusstwird, der mag wie Elia unterm Ginster sitzen und sich zu sterben wünschen.

 

Aber davon wird die Welt nicht besser! Damit ist niemandem geholfen, da wird nichts Neues gelebt, das Umkehr genannt zu werden verdient und in sich den Keim der Hoffnung trägt. Der Glaube resigniert nicht, sondern tut Buße und glaubt an das Evangelium, denn die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes herbeigekommen. (Markus 1,14)

 

Und so hoffe auch ich auf einen Engel, der mich tröstet und befreit, damit ich nicht resigniere, sondern glaube, lebe, handle.

 

II.

Elia sitzt unterm Ginsterbusch. Es plagen ihn die Skrupel. Der eigene Exzess schafft keine Befriedigung mehr. Der Triumpf des Sieges hält nicht lange.

 

Sie kommen ihm spät, die Gewissensbisse: „Es ist genug!“ „Ich bin nicht besser als meine Väter waren!“

 

Der andere Machtmensch ist längst noch nicht dort angelangt, wo Elia schon sitzt. Ach, gebe es Gott, dass es bald geschehe! 

 

Der Aggressor unterm Ginsterbusch. Müde die Hände, wankend die Knie, abgeschlagen und stumpf. 

 

Ich wünsche ihm das, Putin wünsche ich es und seinen Generälen und allen Kriegsherren dieser Welt, den Aggressoren wünsche ich diesen Moment, in dem sie gewahr werden, was sie getan haben. Diesen Moment, in dem sie ihre Schuld heimsucht, 

 

„Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,

Verstümmelt und halb tot

Im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten

In ihrer Todesnot?

 

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,

so glücklich vor dem Krieg,

nun alle elend, alle arme Leute,

wehklagten über mich?“

 

Ich wünsche ihnen einen Moment unter Ginsterbusch, am Besten, bevor sie zu Felde ziehen, dort auf dem Felde wünsche ich ihnen einen Ginsterbusch, unter dem sie sich fragen:

 

„Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?

Die könnten mich nicht freun!

’s ist leider Krieg – und ich begehre,

Nicht schuld daran zu sein!“

 

Ich wünsche und bete, dass sie dann ein Einsehen haben, dass Gewalt nicht glücklich macht, Diktatur einsam, Reichtum ängstlich, und sie zur Erkenntnis gelangten: Es ist genug!

 

Es ist genug!

 

III.

Irgendwann dann kommt der Schlaf. Wenn ich mich abends losreiße vom Bildschirm, die Bilder im Kopf und Trauer im Herzen, quälend im Bett, ehe der Schlaf mich übermannt.

 

Ach Gott, schick deinen Engel zur Nacht, deinen Engel, der spricht: Steh auf und iss. Deinen Engel, der mir in aller Resignation die Kraft zum Aufstehen gibt. Steh auf uns iss.

 

Und Elia ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte, bis er zum Gottesberg, zu Horeb kam. Dort wird ihm Gott begegnen, nicht in Feuer und Wind und Erdbeben, sondern im stillen sanften Säuseln. 

 

Was haben wir nicht alles an religiöser Rhetorik in all den Kriegen hören müssen? Vom Kampf des Guten gegen das Böse, vom Tag der Wahrheit und von heiligem Krieg und von Gott, immer wieder Gott, eine geschundene Vokabel in Zeiten des Krieges. Wo aber war die sanfte Stimme Gottes?

So viele Worte dringen an unsere Ohren 
über die Notwendigkeit eines Krieges
über die Notwendigkeit des Friedens
über die Gräueltaten des Regimes
über die wahren Gründe der Kriegstreiber
über die wahren Gründe der Kriegsgegner

 

Wo aber ist die Stimme Gottes? Wo ist die Wahrheit, die uns frei machen wird?

Wir spitzen die Ohren bei jeder Verlautbarung, 
hören auf die Zwischentöne; 

auf die leisen Töne
und hören die harten Töne.

Viel Geschwätz ist dabei, Worthülsen, leere Worte.

Wo aber ist die Stimme Gottes, wo ist die Wahrheit, die uns frei machen wird?

Manchmal kann ich sie nicht mehr hören, die vielen Wortbeiträge, die gesendet werden, und doch nichts Neues sagen. und die doch so oft wiederholt werden, dass einem Hören und Sehen vergehen.

Und manchmal traue ich meinen Ohren nicht, über die Wortwahl von Politikerinnen und Politikern – verharmlosende, abstrahierende, einlullende Worte – und durchaus bei dem ein oder anderen mit dem Anspruch, die Wahrheit gepachtet zu haben, im Recht zu sein und im Dienst einer guten Sache.

Wo aber ist die Stimme Gottes? – Wo ist die Wahrheit, die uns freimachen wird?

Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer, aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.

 

Es sind eben nicht die Demonstrationen der Macht, in denen sich Gottes Nähe erweist, sondern die stillen, leisen, kaum hörbaren Zwischentöne. Eher die Diplomatie denn der Krieg. Es ist nicht die großspurige Rhetorik, sondern das sanfte Säuseln. Nicht schon da, wo von Gott die Rede ist, ist Gott auch da. 

 

Gott ist nicht ein Gott der Gewaltigen. Er hätte es wissen können, der Prophet. Gott ist nicht ein Gott der Mächtigen, Gott ist auch kein Gott der Zuschauer, nein, Gott ist ein Gott der kleinen Leute, der Leidenden, der Opfer. Hier ist die Wahrheit, die wir zu hören haben, und nicht im Munde großtönender Politiker. 

 

Gott ist ein Gott der kleinen Leute. Er wird geboren im U-Bahnschacht von Kijew, er flieht mit den Frauen aus Mariupol, er stirbt im Bombenhagel von Charkiw. Er richtet hier ein Bett und dort ein Zimmer her, nimmt in den Arm und tröstet, stellt einen Krug Wasser zu Häupten und ein Brot für den nächsten Weg.

 

Elija hat‘s erfahren müssen im sanften Säuseln vor der Höhle. Und ich bin gewiss, dass die Kriegsherren dieser Welt einst vor diesem Säuseln mehr zittern und zagen werden als vor all ihren Bomben und Armeen. Ich bin gewiss, dass sie sich dann wünschten, sie wären niemals schuld. Niemals schuld gewesen. Niemals. 

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

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