Perfekt!

Konfirmations-Predigt zu Lukas 17, 5-6


Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben!

Der Herr aber sprach:
Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn,
dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen:
Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!,
und er würde euch gehorchen.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,


„Eine tolle Gruppe! Perfekt!“ – Wie oft ich das in diesem Jahr gesagt habe? Ich weiß es nicht. Und ob ich es jedes Jahr sage, glaube ich nicht!

Jedenfalls war ich begeistert davon, wie schnell ihr als Gruppe untereinander eine Dynamik entwickelt habt: Ganz schnell haben sich Freundschaften gefunden, habt ihr Beziehungen aufgebaut, Cliquen gebildet und seid doch immer offen gewesen für den Rest der Gruppe und wechselnde Konstellationen – Perfekt.

Junge Leute habe ich erlebt, von denen viele offen waren für Fragen, die in die Tiefe gehen: „Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Was erwarten wir? Was erwartet uns?“

Wenn beim Mittagessen zwei Konfirmanden diskutieren, warum man Gott nicht beweisen kann…; Wenn Konfis mit den Makkas bis weit über die Arbeitseinheit hinaus an Texten zu den Hashtags der Fahnen feilen…; Wenn sich ganz schnell welche finden lassen, die im Vorstellungsgottesdienst das Abendmahl gestalten… Wenn die Youtuberin Jana auch am Ende eines Spieleabends noch offene Augen und Ohren findet…; Wenn beim Grillen unter den Bäumen Konfis plötzlich Kirchenlieder singen…Wenn die Auswahl des Konfispruches zum persönlichen Statement wird… Perfekt.

Ich habe nicht nur interessierte, sondern auch interessante Menschen erlebt: Viele Talente: Ganz viel Musik. Sport in vielen Facetten, Computer, Design…
Junge Biografien vor denen ich heute schon den Hut ziehe: So mancher, dem das Leben schon viel zugemutet hat und der daraus Kraft und Lebensweisheit gezogen hat oder jemand, der sich Schritt für Schritt rauswurschtelt aus alten Rollen und Mustern, witzige Leute habe ich erlebt, mit denen es viel zu lachen gab und Provokateure auch, die mit Vorliebe Grenzen ausloten und sich dem Brav-sein entziehen… Perfekt!

II.
Perfekt!

Liebe Eltern, wenn sich der Pfarrer hinstellt und über ihre Kinder den Daumen hebt, dann vermute ich mal, wird sie das freuen. Denn es befriedigt in uns für einen Moment das Bedürfnis, dass es gut wird mit unseren Kindern und wir dazu einen kleinen Beitrag haben leisten dürfen. Nein, nicht nur gut, sondern perfekt.

Wenn es nach uns geht, dann wollen wir ja nichts lieber als das, dass wir unseren Kindern einen perfekten Start ermöglichen. Und so haben wir ihnen im Mutterleib schon Mozart von CD gespielt und haben den Säugling auf die Schaukel gesetzt, weil das die Synapsen fördert, haben im Kindergarten mit ihnen Schreiben und Rechnen und Englisch geübt, und sie kurz darauf im Sportverein angemeldet, weil Bewegung so wichtig ist… Ich karikiere …

Karikiere die Verantwortung, die ein jeder und eine jede von uns spürt, der Kinder in die Welt setzt: Dass wir nach unseren Möglichkeiten das Beste dazu beitragen, dass ihr Leben gelingt. Das wäre perfekt.

III.
Perfekt.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, liebe Festgemeinde…

Wir leben in einer Kultur, in der Perfektion großgeschrieben wird. Für alles gibt es Normen, Maße, Leitbilder, Kennzahlen… Ihnen zu entsprechen, ist perfekt.

Es muss alles perfekt sein: Die Leistung in Schule und Betrieb, die Prozesse in Arbeit und Alltag, die Maße unserer Körper und die Stimmung unserer Seelen.
Alles perfekt.

Wir Deutschen gelten als Meister darin… Unsere Tradition stellt uns den Schuh der Perfektion vors Kinderbett und noch ehe wir richtig laufen können, schlüpfen wir hinein, auch wenn er uns nicht passt.

Am Ende heißt’s dann viel zu oft „Ruckedigu, Ruckedigu - Blut ist Schuh“ – denn der Perfektion zu entsprechen, heißt immer etwas abschneiden von dem, was mein eigenes ist, das Wilde und das Unbeständige und das Unsortierte und das, was mit den Normen bricht…

Der Perfektion nacheifern, heißt für so manchen, das Leben im hier und jetzt zu verlieren, das Glück von heute dem Glück von morgen zu opfern. Energie zu vergeuden in die letzten Details, in das bisschen, das noch fehlt.

IV.
Darum, ihr Lieben, mag ich euch noch einmal die Geschichte vom dem Glauben erzählen, der nicht perfekt ist und doch reicht, um Berge zu versetzen:

Da kommen die Jünger zu Jesus: „Herr, mehre uns den Glauben“.

Sie kommen, weil sie daran zweifeln, dass ihr Glaube schon perfekt ist.
Weil sie der Vorstellung davon, wie Glaube aussehen muss, nicht entsprechen. Weil sie als Anfänger ahnen, es noch nicht so gut zu können, wie die, die schon länger dabei sind. Weil sie sich selbst nicht genug sind, kommen sie zu Jesus.

Kommen zu Jesus und sagen: „Mehre uns den Glauben.“

Lass uns perfekt sein.

Das kennen wir ja aus unserem Leben: Wo wir unserer fehlenden Perfektion begegnen, da wird erwartet, dass wir daran arbeiten, perfekt zu werden.
Wenn Du gewinnen willst, dann schließ die Lücken…

Fürs Leben ja auch nicht nur verkehrt, an sich zu arbeiten.

Wäre Jesus einer von uns, er hätte den Seinen wohl ein geistlich spirituelles Trainingsprogramm auferlegt: „Stärke uns den Glauben“ – Klar mach ich: Fangen wir an: tägliche Bibellese, regelmäßige Gebetszeiten, 20 Gottesdienste im Monat, nicht im ganzen Konfijahr, Fastenzeiten wären auch nicht schlecht, oder noch ein paar Tage in der Wüste…

Aber Jesus macht was ganz anderes: „Wenn ihr Glaube habt, wie ein Senfkorn, dann könnt ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und wirf dich ins Meer.“

Was macht der da?

Mut macht er, Mut, mit dem Kleinglauben zu leben.
Mut, mit dem, was nicht perfekt ist, zu leben.
Mut, eine Lücke zu lassen.

Mut, mich nicht kleinmachen zu lassen, sondern zu entdecken, dass schon das bisschen Glauben, das ich habe, Verrücktes bewirken kann.
„Wenn ihr Glaube habt, wie ein Senfkorn…“ – und den müsst ihr ja haben, sonst wäret ihr nicht hier, sonst würdet ihr nicht bitten: „Stärke uns den Glauben…“

Das bisschen Glauben, ihr Lieben, es ist genug. Und du kannst Berge versetzen.

Ein bisschen Glauben - ihr müsst nicht perfekt sein. Das bisschen reicht.

Die Ahnung, dass Gott dein Leben begleitet. Das ist schon okay.
Das Stoß-Gebet vor der Klassenarbeit oder dem Rendezvous, es ist schon okay.

„Ich glaube“ sagen können, auch wenn ich längst vergessen habe, was wirklich alles drinsteht im Glaubensbekenntnis: Es ist okay.

Es reicht aus, um einen Anfang zu machen.
Es reicht aus, um die Welt Kopf stehen zu lassen.

Es reicht aus… und ihr werdet euch wundern.

Eure Konfirmation: Wenn es nach Jesus geht – da geht es nicht darum, dass ihr nun perfekt seid in Sachen Glauben. Sondern dass ihr erkennt, in mir, da ist ein kleines Senfkorn an Glauben, eine Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, ein Hoffen auf Liebe, ein Anfang an Glaube… mehr nicht – aber genug...

Mit meinen Kleinglauben das große Leben wegen – das wäre perfekt.

Amen.

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