Totengeläut um des Lebens willen

Ansprache bei der Indienstnahme der Toten-Glocke auf dem Waldfriedhof in Troisdorf
08. September 2012

Ein Satz, gehört in Kindheitstagen, begleitet mich mein Leben lang. Der Pfarrer unserer Gemeinde zitierte ihn immer dann, wenn er die Namen derer nannte, die uns in den Tod vorausgegangen waren.

Dann zitierte er den Beter des 90. Psalms: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90,2)

Ich glaube, um dieses Satzes willen, bin ich Theologe geworden.

Und wenn die Theologie klug ist, dann hört sie nicht auf, sich genau um diese Weisheit zu mühen. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Ob ich schon klug geworden bin, wag' ich nicht zu behaupten. Und Sterben mag ich noch lange nicht.

Aber dass das Bewusstsein, einst sterben zu müssen, uns zum Leben hilft, das habe ich inzwischen begriffen.

Denn: Es lehrt uns, Gäste zu sein auf Erden.

Gäste wissen, dass sie wieder weiter müssen, dass sie nicht ewig bleiben können und müssen. Gäste genießen darum jeden Tag am Ort, der ihnen geschenkt ist. Genießen die Freiheit, sich nicht ewig binden zu müssen, dass sie halten dürfen zu einer Zeit und loslassen dürfen und können, zu anderer Zeit.

Gäste wissen darum, dass das, was sie genießen, nicht ihres ist. Nur geliehen, zu treuen Händen gegeben, in der Erwartung, dass der Herr des Hauses es einst zurückerhält, wohl bebaut und gut bewahrt.

Der Herr des Hauses: Der, bei dem wir einst nicht nur Gäste sein werden, sondern Mitbürger der Heiligen, Gottes Hausgenossen.

Als Christenmenschen bedenken wir das Sterben-müssen, nicht ohne Hoffnung, sondern im Licht der Auferstehung Jesu Christi. Christlicher Glaube ist Auferstehungsglaube, sonst ist alles nichts nütze.

„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Freiheit und Verantwortung und Zuversicht lehrt uns das Wissen darum, dass wir sterben müssen: Oder mit anderen Worten: Glaube, Liebe und Hoffnung.

So entdecken wir wieder, was die Alten wussten: Dass die Kunst zu Sterben, die Ars moriendi, die Kunst zu Leben, die Ars vivendi, ist.

Um des Lebens willen, bedenkt den Tod.

Wenn von heute an hier auf dem Waldfriedhof die Totenglocke läutet, wenn wir Verstorbene zu ihrer letzten Ruhe geleiten, dann ist dies ihre Bestimmung: Zum Leben zu rufen.

Zum Leben zu rufen, in dem sie die Lebenden lehrt, zu bedenken, dass sie sterben müssen.

Ein Totengeläut, das zum Leben ruft, das Freiheit lehrt und Verantwortung und Zuversicht, das Glaube, Liebe und Hoffnung in unsere kleine Welt trägt.

Darum haben wir christlichen Kirchen die Initiative ergriffen, diese Glocke zum klingen zu bringen.

Darum auch bleiben wir auch in Zukunft gewiss rührig, die Bestattungskultur in unserer Gesellschaft im Dialog mit Verwaltung, Politik, Bestattungswesen und Gemeinden zu prägen, damit wir um des Lebens willen, den Tod nicht verdrängen, die Würde der Verstorbenen achten, die Bedürfnisse der Hinterbliebenen wahren und Freiheit und Verantwortung leben in der Hoffnung auf den Gott des Lebens.

Amen.

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