Mit Essen spielt man nicht


Liebe Gemeinde,

nicht weniger unter uns werden sie vielleicht ja noch im Ohr haben, die Worte der Eltern, die mahnend gesprochen dazu angetan waren, uns Achtung und Respekt beizubringen vor dem Essen, das wir auf dem Teller hatten und mit dem wir, weil es nicht nach unserem Geschmack war, versunken spielten: Erbsen-Billard zum Beispiel oder Möhren-Hockey.

In den Worten der Eltern lag eine bittere Erfahrung, die sie zu wiederholen nicht müde wurden: Der Hunger in den Zeiten des Krieges und dem eiskalten Winter danach: „Wir wären damals froh gewesen, wir hätten Erbsen gehabt.“

Vergebliche Mühe, weil ihre Erfahrung nun mal nicht unsere war, nicht vorzustellen war von Kindern, die nur volle Regale kennen. Den Lechz der mangelernährten Kindergeneration nach frischem, gesunden, vitaminreichem Essen, die wirkliche Brutalität des Satzes: „Der Hunger treibt’s rein!“, war nicht zu fühlen in den im Zweifelsfall und zur Sicherheit ja schon einmal mit einem Teilchen vom Schulkiosk gefüllten Bäuchen.

Und so spielten wir mit dem Essen, das uns nicht schmeckte, weil wir es nicht brauchten und darum nicht schätzten. Und nölten pubertierend beim Versuch der Eltern, uns die Moral beizubringen: „Mit Essen spielt man nicht!“

II.
In diesen Monaten rufen das Institut Südwind und die Organisation Oxfam den Satz der Eltern ins Gedächtnis der groß gewordenen Kinder, die heute nicht nur vielfach Eltern sind, sondern Verantwortliche in Politik und Wirtschaft, in Unternehmen und Betrieben und Parteien, in Banken und der Welt der Finanzen.

Sprechen sie an mit einer Moral, der wir heute gnädiger begegnen, denn zu den Zeiten, als wir Kinder waren, weil ja unsere Kinder heute mit dem Essen spielen, das wir ihnen auf den Teller bringen.

Vielleicht ist das ja der Lauf der Generationen, dass wir - selbst erst einmal Eltern geworden, - barmherziger werden, verständnisvoller für das, was die Eltern sagten und taten, gnädiger richten über Fehler und in manchem, was sie sagten, jenen Sinn erkennen können, den wir damals zu teilen nicht bereit waren.

„Mit Essen spielt man nicht!“ – Ein Satz, der die Achtung einfordert vor dem, was uns zum Leben gegeben ist. Und darüber hinaus den Horizont weitet: Essen ist zum Essen da und nicht zum Spielen.

III.
„Essen ist zum Essen da“. Was eine lapidare Binsenweisheit zu sein scheint, wird unter den Bedingungen des Weltmarktes heute zu einem das ganze System in Frage stellenden Satz.

„Essen ist zum Essen da“. Die Bibel verortet die Erkenntnis in der Erzählung über den Schöpferwillen Gottes und misst ihr damit eine ursprüngliche, gottgewollte Bedeutung zu:

„Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.

Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise.

Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.“

Vielleicht war es für die agrarisch geprägte Welt ja auch gar nicht anders denkbar, als dass Nahrungsmittel als Nahrungsmittel dienen für Mensch und Tier und nichts anderes.

Wer will, mag aus der Schöpfungsgeschichte gar ein Naturrecht ablesen, das höher steht als alle Rechtsetzung unserer Zeit: Nahrung als Grundrecht, gegeben für alle und jeden, nicht zu kaufen und zu handeln.

Der Kölner Kardinal Frings jedenfalls berief sich im Hungerwinter 1947 darauf, als er den Kölnern einbläute, dass im Zweifelsfall das Grundbedürfnis auf Nahrung höher zu achten sei, als das Recht auf Eigentum.

Sie kennen das berühmte „Fringsen“.

IV.
Essen ist zum Essen da.

Die lapidare Erkenntnis ist unter den Gegebenheiten des globalen Markes keine Selbstverständlichkeit mehr. Denn mit Essen kann man auch ganz anderes machen:

Biosprit zum Beispiel für die Mobilität und das Wachstum der reichen Welt. Oder aber: Zocken an den Börsen.

Beides, die Nutzung von Pflanzen zur Gewinnung von Energie und die Spekulation mit Nahrungsmitteln an den Börsen, so die beiden Organisationen, treibt die Preise in die Höhe, kaum spürbar für uns, mit katastrophalen Auswirkungen aber auf ärmere und in der Erzeugung schwache Länder.

Die Zusammenhänge sind komplex und von mir nur laienhaft anzudeuten:

Da ist die Deregulierung der Finanzmärkte, die die Warenterminbörsen für Spekulanten öffnete. Seither handeln an den Getreidebörsen nicht mehr nur Bauern und Getreidehändler, sondern wer immer Geld hat und es einzusetzen weiß. Kaufen sich in die Börsen ein und verdrängen die Händler und Bauern, für deren Handel die Börsen eigentlich gedacht waren.

Da sind die niedrigen Zinsen in Europa, die vor allem die Pensionskassen drängen, auf Renditen zu zocken. Und sie entdecken, dass man an den Getreidebörsen gut verdienen kann. Denn begrenzte Ressourcen kann man durch große Aufkäufe zusätzlich verknappen, ihre Preise in die Höhe treiben und seine Käufe dann mit großem Gewinn wieder verkaufen.

Da ist der erhöhte Konsum an Fleisch in der Asiatischen Welt, der immer mehr pflanzliche Rohstoffe zur Fleisch-Produktion verbraucht. Da ist der Versuch, mit Biosprit der absehbaren Energieknappheit zu begegnen. Und beides führt dazu, dass Getreide immer knapper und immer kostbarer wird.

Und am Anfang und am Ende der Kette stehen Endverbraucher:

Am Anfang die, die ihr hohe Renditen erwarten, damit ihre Lebens- oder Rentenversicherung im Alter den gewünschten Ertrag bringt.

Und am Ende die, die sich die Preise für Lebensmittel nicht mehr leisten können.

V.
„Mit Essen spielt man nicht!“ mahnen Oxfam und Südwind. Und treffen mit ihrem Appell auf Menschen, die den Hunger nicht kennen, den Mangel nicht und die Not derer, die ihre Kinder sterben sehen.

Was werden wir tun? Pubertierend der Moral trotzen, wie wir es seit Kindertagen gewohnt sind?

Oder prüfen, ob nicht auch in einer komplexer gewordenen Welt eine einfache Moral tauglich und von Nöten ist, um Gerechtigkeit, Recht und Erbarmen zu gestalten?

Was uns im konkreten Fall ermutigen kann, ist der Umstand, dass erste europäische Banken und Versicherungen die Zusammenhänge erkannt haben und aus der Nahrungsmittelspekulation ausgestiegen sind, andere immerhin prüfen, es zu tun.

Insofern treten wir nicht als weltfremde Spinner auf, wenn wir bei unseren Versicherungen oder Banken unter dem Hinweis auf die Kampagne „Mit Essen spielt man nicht“ einmal fragen, wie sie es halten mit der Spekulation auf das, was alle zum Leben brauchen.

VI.
„Mit Essen spielt man nicht!“ – Zurück am eigenen Tisch und die Worte der Eltern im Ohr und das Wissen um die Zusammenhänge der Welt im Kopf, wird mir das Essen zu einem bewussten Akt: Jeder Bissen ein Dank, unendlich kostbar, unverdient gewährt, zu genießen mit allen Sinnen.

Und zugleich eine Verpflichtung, hellwach zu sein für die Chancen, die mir gegeben sind, ein weniges dazu zu tun, damit das, was mir in Fülle geschenkt ist, wenigstens als Grundrecht allen gewährt wird.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.




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