Predigt zu 1. Petrus 2,21b-25

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf grüner Aue.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir; dein Stecken und Stab trösten mich.“


Liebe Gemeinde, die Hoffnung, das finstere Tal zu durchschreiten  und sich am Ende wieder zu finden auf grünen Auen und an frischen Wassern ist groß. Und manchmal hilft sie, Berge zu versetzen.

Wer aus der Trauer einen Weg zurück ins Leben genommen hat, kann ein Lied davon singen,
und die nach langer Suche endlich wieder eine Liebe gefunden.
Und wer den Krebs besiegt.
Und jener, der endlich einen Job gefunden, und sei es nur für ein Jahr.

Dass wir aus finsteren Tälern wieder zu lichten Höhen gelangen,
gibt unseren Schritten Mut und den Schultern Kraft, so manches Kreuz zu tragen.

Doch nicht immer sind die Täler zu durchschreiten.

I.
Es mag Lebensumstände geben, in denen wir zu leben gezwungen sind, weil sich nichts ändern lässt. Und für solche Lebensumstände, liebe Gemeinde, ist unser Predigttext verfasst.

Er ist an Sklaven gerichtet, die in heidnischen Haushalten leben.
Da ist weder eine Perspektive auf Freiheit noch darauf, den Glauben frei und ungezwungen leben zu können. Und Auflehung wird nicht gefordert.

Man mag das kritisieren: Kein spartakistischer Ruf zur Revolution, kein Umsturz der Verhältnisse wird angestrebt, sondern die Frage gestellt: „Wie können und sollen wir als Christinnen und Christen unter diesen Verhältnissen leben?“

Liebe Gemeinde, unser innerliches Auflehnen gegen die Hinnahme der Verhältnisse geschieht aus einer komfortablen Situation heraus: Für uns wäre es ja nicht riskant, die Meinung zu sagen, den Glauben zu leben. Da lässt sich leicht die „Sklavenmoral“ des Predigttextes beklagen.

Und zu recht muss man sagen: Der Ruf, sich den vorfindlichen Gegebenheiten unterzuordnen, ist in unserem Lebenskontext fatal, fördert eine Gleichgültigkeit oder jenes stillschweigende Einvernehmen, das wir angesichts des Umstandes eines massenhaften Missbrauchs von anvertrauten Kindern durch die Hirten ihrer Herde, beklagen müssen. Nein: Das muss niemand hinnehmen. Da muss sich niemand beugen.

Aber das, liebe Gemeinde, ist ja auch keine unabänderliche Gegebenheit.

Vielmehr müssten wir den Text lesen mit den Augen derer, und davon gibt es leider viel zu viele, die ihren Glauben nicht offen leben können.

Die in Ländern leben, in denen Christinnen und Christen wegen ihres Glaubens ausgegrenzt, verfolgt und oft misshandelt und getötet werden. Wo sie eine Minderheit sind, die nichts ändern kann. Ich denke, diesen Schwestern und Brüdern ist unser Text an dieser Stelle ungleich näher.

Worum es geht, ist die Möglichkeit eines christlichen Lebens unter den Gegebenheiten einer aufgezwungenen Existenz.

Wie sollen wir leben, wenn das finstere Tal keine räumliche oder zeitliche Befristung kennt, sondern Dauerzustand unseres Lebens ist?

II.
Wie sollen wir leben?

Eine Frage, der ich gerne wieder mehr Bedeutung unter uns verleihen würde. „Wie sollen wir leben?“ –
Nicht als Frage danach, in welche Wohnung ich einziehen und in welchen Möbeln ich lebe und in welcher Kleidung ich mich zeige, sondern als Frage danach, was die Werte sind, für die ich lebe. 
Wofür trete ich ein? Was ist mir wichtig? Wo engagiere ich mich?

Als Christenmenschen in einer zunehmend säkularisierten Welt, in der nur noch eine Minderheit sich diesen Fragen stellt, mögen wir dann existentiell doch ähnlich fremd sein, wie zum Glauben gekommene Sklaven in einem heidnischen Haushalt der Antike.

III.
Wie sollen wir leben? Wofür setzen wir uns ein? Was ist uns wichtig? Nach welchen Werten richte ich mein Leben aus?

Eine Frage, die so einfach zu beantworten den meisten schwer fällt. Da wäre es leichter, ich hätte ein Vorbild auf das ich zeigen, dem ich nachfolgen kann.

Allein: unsere Zeit scheint arm an Vorbildern: Richard von Weizsäcker ist mit seinen 90 den wenigsten jungen Leuten noch ein Begriff.

Und seine Nachfolgerinnen und Nachfolger in Wirtschaft, Politik und Kirche sind zum Teil nicht glaubwürdig, zum Teil zu blass, zum Teil zu banal orientiert an der schnellen Aufmerksamkeit.

(an die Konfirmanden gerichtet:) Habt ihr Vorbilder? Leute von denen ihr sagt: Das find ich total gut, was der macht, wie der lebt, wofür die sich einsetzt – das will ich auch?

Aber warum immer nur auf andere schielen und von ihnen erwarten, was ich selber zu leisten zu bequem bin. Muss ich mich nicht ebenso fragen: Welches Vorbild gebe ich denn ab?

Als Eltern zum Beispiel? Oder Großeltern? Können meine Kinder an mir etwas Vorbildliches finden? Welche Werte lebe ich ihnen vor?

Oder als Mitglied unserer Gesellschaft? Oder in der Gemeinde?

III.
Liebe Gemeinde, der erste Petrusbrief verweist uns in unserer Suche nach Vorbildern erst einmal weg von uns, und das ist gnädig so. Es erspart uns manche Peinlichkeit.

Er verweist auf Christus, der uns ein Vorbild hinterlassen hat, auf dass wir seinen Fußspuren nachfolgen.

Ein Vorbild, das griechische Wort meint die Urschrift, das Original, die Tafel, auf der der Text steht, den wir abschreiben, kopieren können.

Und dann ist von den Spuren zu lesen, die er hinterlassen hat.
Und wir sind die, die sie aufspüren und ihnen nachschleichen.
Glaube, liebe Gemeinde, ist Nachfolge. Und lebt davon, dass wir mit unserem Leben nachzeichnen, was er vorgezeichnet hat, nachleben, was er vorgelebt hat.

Und das wäre?

1.: „Er, der keine Sünde getan hat“.
Nein, sündlos leben, das wäre zu viel, aber vielleicht wenigstens dies: Leben, ohne Unrecht zu tun.

Leben, ohne Unrecht zu tun. Unrecht ist dabei alles Handeln, das gegen universelles Recht, gegen Menschenrechte,  gegen die Grundsätze der Gerechtigkeit verstößt, gegen Gottes Gebot, selbst dann, wenn aktuelle Gesetze etwas anderes sagen.

Es kann sein, dass ich in ungerechten Systemen lebe, aber ich muss dafür noch lange nicht alles Unrecht mitmachen.

Es mag sein, dass es mir einen Vorteil verschafft, aber nicht jeder Vorteil achtet das Recht des Nächsten, zukünftiger Generationen, die Würde und Freiheit, bewahrt die Schöpfung – und ist darum Unrecht.

Leben, ohne Unrecht zu tun.

2. „in dessen Mund sich kein Betrug befand“ – die Wahrheit sagen – und sei es auch unpopulär und muss ich befürchten, die nächsten Wahlen zu verlieren.

Nicht Betrügen – wie viele Floskeln des Alltags sind Betrug an der Wahrhaftigkeit.

Die Wahrheit sagen – lernen, von mir zu reden, nicht von und über andere.

Die Wahrheit sagen.

3. „der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde“ – die Spirale der Gewalt durchbrechen, durch den Verzicht auf Vergeltung.
Ich muss nicht Gleiches mit Gleichem vergelten.

Und nur da, wo jemand den Verzicht auf die Vergeltung praktiziert, ist der Friede möglich, nach dem wir uns sehnen.

4. „der nicht drohte, als er litt“ – keine Rachegefühle pflegen, sondern es dem anheimstellen, der gerecht richtet.

Liebe Gemeinde, vier Fußspuren Jesu, denen wir nachfolgen sollen.
Nicht Unrecht tun.
Die Wahrheit sagen.
Die Spirale der Gewalt duchbrechen.
Keine Rachegefühle pflegen.

Vier Fußspuren, die unter uns viel bewirken könnten, würden wir sie gehen; vier Fußspuren, die uns helfen könnten, in unserer Zeit wieder neu als glaubwürdig empfunden zu werden.

Vorbilder zu werden in dieser Welt.

Denn „dazu sei ihr berufen, da euch Christus ein Vorbild hinterlassen hat, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen."

Nicht allein, sondern in der Gemeinschaft, die darum weiß, dass Christus als guter Hirte und Beschützer unserer Seelen mit uns geht. Amen.

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