Sich regen bringt Segen!


Predigt zu 1. Mose 12,1-4a
Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis in der Johanneskirche Troisdorf

Man kann es ja drehen und wenden, wie man will: Im Endeffekt hat der Volksmund wieder einmal recht: „Sich regen“, sagt der Volksmund, „bringt Segen“.

Um Beides geht es in unserer Geschichte heute: um das Sich-Regen und um den Segen. Das sind zwei Seiten einer Medaille.

Sich regen. Wir leben ja in einer etwas absurden Situation. Seit der Sesshaftwerdung des Menschen hat unsere Spezies wohl noch nie so viel gesessen wie heute. Und zugleich sind die Menschen niemals vorher in Scharen in Fitnessstudios gerannt, um die im Alltag versäumte Bewegung nachzuholen.

Vielleicht gilt diese unausgeglichene Spannung nicht nur für unseren Körper, sondern auch unsere Mentalität:

Hochtrainierte und noch besser bezahlte Spitzensportler, die über das Feld traben, dass der Kommentator es für nötig hält, den Zuschauern zu erklären, dass das keine Zeitlupe ist. In vielen Kommentaren wurde das Ausscheiden des Titelfavoriten zum Indiz für eine satte deutsche Bequemlichkeit auf höchstem Niveau.

Noch nie waren die Forschungen in Wissenschaft und Technik reger als heute und zugleich macht sich damit eine Sehnsucht nach Tradition, nach Bestehendem und Bewahrendem breit. Fortschritt hier – Sesshaftigkeit dort.

Vielleicht war noch nie so viel von Veränderungen die Rede und hat sich so wenig getan wie gegenwärtig. Und – ach wie absurd: Gerade die, die danach rufen, dass sich was ändern muss, verfallen politischen Kräften, die den Rückschritt zum Programm erklären.

Es ist nicht so, als wollten wir uns nicht regen und doch ist es so, dass wir merkwürdig erstarrt sind.

In diese unsere Regungslosigkeit hören wir heute die Geschichte von Abraham:

Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.
Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.
Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.
Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.

Man mag sich fragen, was diesen alten Mann dazu bewog, sich zu bewegen. Sich zu bewegen heraus aus allen Bindungen und Sicherheiten: Vaterland, Sippe und Familie.

Die Bibel kennt darauf nur eine Antwort: Abraham glaubte dem Herrn.

Abraham glaubte dem Herrn. Offensichtlich hat der Glaube es vielmehr mit dem Aufbrechen als mit dem Einnehmen von Standpunkten zu tun. Er glaubte. Das genügte.

Es ist ja nicht so, dass ihm Gott weiß was versprochen wird. Es wird nur gesagt: „Geh“.

Das Hebräische verwendet hier eine seltene Wendung, die mit dem deutschen Wort „geh“ nur unzureichend übersetzt ist: „Lech lecha“, sie hören die Doppelung im Klang, die Intensität verspricht.

„Lech lecha“ vielleicht so zu verstehen: „Gehe. Gehe für dich - ganz allein, nur für dich. Und: Gehe. Und in deinem Gehen gehe auch über dich selbst noch hinaus. Gehe. Und übersteige dich selbst.“ (Marquardt, Von Elend und Heimsuchung der Theologie, 316).

Ein Aufbruch in ein noch unbekanntes Land. Erkenntnis wird Abraham erst auf dem Weg zuteil: Geh in ein Land, das ich dir zeigen werde. Mehr ist über dieses Land nicht gesagt. Aber auch nicht weniger, als dies, dass es ein Land ist, das Gott ihm bereiten wird.

Im Gehen liegt die Erkenntnis. Ohne Weg kein Glaube, liebe Gemeinde. Und ohne Glaube kein Weg

Es gibt in der Bibel eine Gegengeschichte. Es ist die von Lots Frau.

Die waren mit Abraham ausgezogen, hatten sich mit auf den Weg gemacht und hatten neue Heimat in Sodom gefunden. Doch die Stadt hat große Schuld auf sich geladen. Gott wird sie vernichten. Aber Lot und seine Familie will er retten. Darum heißt es wieder Aufbruch. Alles hinter sich lassen, Bindungen aufgeben. Nicht einmal zurückschauen sollen sie. Doch diesmal kann Lots Frau nicht loslassen. Sie blickt zurück und erstarrt zur Salzsäule.

Bindungen festhalten, rückwärtsgewandt sein, das Leben verlieren. Bereit sein zum Aufbruch, loslassen können – das Leben riskieren und am Ende gewinnen.

Gewinnen, das kann erst sagen, wer angekommen ist. Glauben heißt den Aufbruch wagen, im Vertrauen auf Gott loslassen können.

Kann es einen Glauben geben, der nicht in Bewegung ist, kann es ein Leben im Glauben geben, das nicht ein Aufbrechen ist? Ein Aufbrechen in ein Land, das Gott uns zeigen will, von dem wir nicht wissen, was uns erwartet?

Ich erlebe es immer wieder und entdecke es auch bei mir selbst, dass ich den Glauben dazu missbrauche, Standpunkte einzunehmen. Von Abraham aber lerne ich, dass es im Glauben keine Standpunkte geben kann.

Luther, der berühmt wurde mit dem Satz: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, bezeichnet damit gerade nicht einen unverrückbaren Standpunkt, sondern stellt sich damit zur Disposition, ist bereit, diesen Standpunkt aufzugeben, wenn man ihn eines Besseren belehrt. Stellt sich hin, um aufzubrechen aus den festgemauerten Standpunkten der Kirche.

Später hat er formuliert, der Christ habe sein Christ-Sein nicht im Sein, sondern immer nur im Werden. Ich bin immer unterwegs dazu, ein Christenmensch zu werden. Ich habe es nicht. Erst im unterwegs wird mir deutlich, was Christ-Sein ist.

Denn nur im Aufbrechen, liebe Gemeinde, liegt Segen. Dort hat der Segen seinen Platz, wo Menschen sich auf den Weg machen, ins Unbekannte, aber nicht ins Ungewisse, weil es ein Land ist, das Gott uns zeigen wird.

Der Segen ist an das Aufbrechen gebunden, nicht an das Verharren.
Hat er also mal wieder recht, der Volksmund, wenn er sagt: „Sich regen bringt Segen“.

II.
Bleibt die Frage, ob dies denn eine Botschaft sei, die uns hilft.

Hilft in der gegenwärtigen Situation.
Ich denke schon, weil es eine Botschaft ist, die Mut zum Risiko, Mut zum Wagnis des Aufbruchs macht.

Zum Beispiel:
Ich nehme wahr, dass immer mehr Menschen gezwungen sind, sich auf den Weg zu machen. Sie werden nicht gefragt. Willst Du Arbeit, dann bitte dort... Flexibilität ist ein Zauberwort der gegenwärtigen Arbeitsmarktpolitik.

Die Abrahamgeschichte könnte aus dem Zwang befreien. Aus dem Zwang sich beugen zu müssen ebenso, wie aus dem Gefühl, gezwungen zu sein, diesen oder jenen Schritt zu tun. Der Glaube könnte uns offen machen für das, was kommt. Neugierig. Und voll Vertrauen: Denn Gott ist ein Gott, der mitgeht, wo du auch hingehst.

Zum Beispiel:
Kinder und Eltern können wie Kletten aneinanderkleben. Das ist ungut für beide Seiten. „Geh heraus!“, das könnte uns helfen für uns selbst wieder Freiraum zu gewinnen und ihn den geliebten Menschen zu gewähren.

Und dann kann ich mir ein letztes nicht verkneifen.
Die Abrahamgeschichte zeigt noch einmal, wie sehr die erzählte Geschichte Gottes mit uns Menschen eine Geschichte von Migration und Grenzüberschreitungen ist.
Von Abraham über den Exodus aus Ägypten unter Mose bis hin zur Weihnachtsgeschichte… Eine Geschichte von Migration und Flucht.

Religionsgeschichtler sehen darin eine Ursache der Entwicklung weg von lokalen Gottheiten und ihren Heiligtümern hin zu einem universalen Monotheismus: In den Erfahrungen der Migration, des Aufbrechens und Unterwegsseins entdeckten Menschen den einen und einzigen Gott, der nicht an bestimmte Orte gebunden ist, sondern ein Gott ist, der mitgeht. Migration und jüdisch-christlicher Glaube lassen sich nicht auseinanderdividieren.

Wer in Bayern Kreuze an die Wand nagelt und zugleich dem Menschheitsphänomen der Migration nicht anders begegnen will, als es von sich fernzuhalten, der erniedrigt den einen universalen Gott, der mit geht, zum bayrischen Lokalgötzen.

Es könnte sein, dass der Gott, der mitgeht, der Gott, der Menschen auf den Weg gerufen hat, der mit Abraham den Aufbruch wagte und mit den Flüchtlingen aus Ägypten durch die Wüste zog, der in Christus, keinen Ort hatte, wo er sein Haupt hinlegen konnte, dass dieser Gott an den Grenzen Europas den Staub von seinen Füßen schüttelt.

Auf dieser Politik, liebe Gemeinde, kann kein Segen liegen.

Sich regen, bringt Segen. Und das hieße in diesem Fall: Konsequent an den Ursachen arbeiten, die über 60 Millionen Menschen auf dieser Erde in die Flucht schlagen und Migration in legale und menschenwürdige Wege lenken.

Lech lecha! Mach dich auf!

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