Dass er auch mir gegeben ist...

Eine Bemerkung vorweg: Ich kann kein Kölsch! Weder sprechen, noch schreiben. Vielleicht findet sich ja jemand, der diesen Dialekt beherrscht und eine Korrektur vornimmt. Ich übernehme es dann gerne. Und nun die Predigt: 

Predigt zu Jesaja 42,1-4 am 1. Sonntag nach Epiphanias

Siehe, das ist mein Knecht, - ich stütze ihn,
und mein Auserwählter, - an dem meine Seele Wohlgefallen hat.
Ich habe ihm meinen Geist gegeben,
er wird das Recht unter die Völker bringen.
Er wird nicht schreien und rufen,
und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.
Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen
und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.
In Treue trägt er das Recht hinaus.
Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen,
bis er auf Erden das Recht aufrichte;
und die Inseln warten auf seine Weisung.

Ach Gott, lass du doch den glimmenden Docht unseres Glaubens neu brennen durch dein Wort, auf dass die Gasse die frohe Kunde hört von deinem Wohlgefallen an den Menschenkindern. Darum hilf beim Reden und beim Hören und in beidem, hilf beim Predigen. Amen.

Liebe Gemeinde,
einer, mit dem ich in dieser Woche den Predigttext diskutierte, schickte mir im Nachhinein eine E-Mail. „Man sollte“, schrieb er, „zu Beginn der Predigt die Gemeinde beglückwünschen, dass sie es geschafft hat.“ – Recht hat er – vielleicht nicht ganz - , hab’ ich nach einigem Überlegen gefunden. Denn wir reden hier ja nicht von einer Prüfung, die man schaffen könnte wie sein Abitur, sondern eher vor einer, die das Leben stellt. Eine Prüfung, in der sich immer wieder die Frage stellt: Was bin ich wert? Wem bin ich was wert? Wem liegt an mir? Zu wem gehöre ich? Wem liege ich am Herzen?

Fragen, die die Gasse und höhnisch nachwirft, wenn wir ihr folgen im Strom derer, die sich anpassen und fügen und die Ellenbogen ausfahren und sich ihren Platz erkämpfen im Gleichschritt der Massen und Moden. 


Wer da auf der Gasse
im Laufe der Zeit eine Antwort findet auf diese Fragen nach dem Sinn und Wert und der Annerkennung und Achtung seines Leben, dem ist zu gratulieren.

Und darum steht am Beginn meiner Predigt eine Beglückwünschung, dass sie eine Antwort haben, auch wenn sie noch gar nichts davon wissen: 


"Herzlichen Glückwunsch, liebe Gemeinde, dass sie es geschafft haben!“ 

 "Wat, das „kriejen wir später“... Womit wir uns – der Lehrer Bömmel aus der Feuerzangenbowle lässt grüßen – in eine Lehranstalt begeben, nicht um zu fragen: „Wat is en Dampmaschien?“, sondern um zu fragen: „Wer is et denn, der Knecht, an dem die Seele des Höchsten sein Wohljefallen hat?
Na, da stellen wir uns mal janz dumm... – so wie der Grafschafter Bettler, aber den kennt ihr noch nicht, denn den kriejen wir erst später in der Predigt."

Und verwandeln unsere Kirche kurzerhand in eine Lehranstalt – eine Höhere – und nicht nur pisa- , sondern lebenstaugliche  - versteht sich, weil man hier nicht nur für die Schule lernt, sondern fürs Leben: „Non scholae, sed vitae discimus“.
II.

"Nun, liebe Schöler, wat haben wir denn gelernt, über den Knecht Jottes?
Dat er ihm wohljefällt, haben wir jelernt. So wohl, dat es sogar heißt: Meine Seele hat Wohlgefallen an ihm.  Dat muss schon ne Seeligkeit sein, dem Herrjott wohl zu jefallen. Und dat für nen Knecht. Wat is en Knecht, Herr Pfarrer mit Pf wie Pfeifer?"
Knecht? Das Wort im Hebräischen heißt Ebed und meint einen Menschen in einer Beziehung, in der er sowohl abhängig als auch sehr vertraut ist zu einem anderen: Das kann ein Sklave sein, das kann der zweite Mann im Staate sein. In jedem Fall aber jemand, der das Vertrauen seines Herrn genießt.
"Und wer is es dann, der Knecht?
Da fragen wir erst mal: „Wat sacht die Tradition?“
Nu, die sacht vill, weil se lang is. Da fange wir mal an, nit bei Adam un Eva, sondern bei de Juden, von denen dat Heil herkommt.
Und wie sich dat so gehört, müssen wir lernen, haben die Juden nit nur eine Meinung. Können Sie uns dazu was sagen, Herr Pfarrer?"

Die meisten jüdischen Auslegungen sagen: Der Knecht, das sind die Gerechten Israels. Denn ein jeder Gerechte in Israel bringt Gottes Recht in die Welt. Also das Volk Israel ist der Knecht Gottes, der Gottes Recht in die Welt bringt, zu den fremden Völkern und Heiden bringt. Wenn es denn gerecht ist. Dass man darüber im Laufe seiner Geschichte zu Zeiten streiten kann, erfahren wir gerade jetzt angesichts des Todes von Ariel Scharon. 

Eine andere Meinung vertritt zum Beispiel Rabbi Saadia. Er meint, es sei Kyros, der Perserkönig, der das Volk aus Babylon nach Hause ließ.

Sie wissen von der Deportation der Oberschicht Israels in die babylonische Gefangenschaft. Und dann kam ein neuer Herrscher, Kyros, der den Deportierten den Rückzug erlaubte. Er wird, so Saadia, hier angekündigt. Ein gerechter Herrscher, der mit seiner Entscheidung, das Volk freizugeben, das Recht unter die Heiden brachte. Er war es, der das angeknackste Israel nicht abgebrochen hat.

Nehmen wir noch eine dritte jüdische Auslegung dazu: Ibn Esra sagt: Es ist der Prophet selber, der sich als Knecht Gottes sieht. Da ist der gelehrte Rabbi nahe bei vielen alttestamentlichen Wissenschaftlern unserer Tage.

Und dann gibt es noch die Lösung, die irgendwie immer kommt, wenn Juden diskutieren: Es ist Mose. 


Na, da bringt ihr kein Wort mehr raus. Eben, wie der Knecht, von dem es heisst: „Er wir nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.“ – Und von Mose wird doch am Dornbusch überliefert, „Ich bin kein Mann der Worte... denn schwer am Mund und schwer an der Zunge bin ich“. Und weil der Mose so schlecht reden konnte und der Knecht Gottes auch, ist das ein und derselbe, nur ein bisschen später, so wie es in den Büchern Mose ja versprochen war: „Einen Propheten wie du bist, will ich ihnen erwecken aus ihren Brüdern“.

III.

"Su, dat hätten wir. Jut jemacht. Un nun gehen wir von den Juden zum Evangelium. Wat jibt es da zu sagen, Herr Pfarrer?"
Im Evangelium haben wir eben gehört, wie unser Herr Jesus getauft wurde im Jordan, und eine Stimme vom Himmel kam, die sagte: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Das haben wir aber schon mal gehört, und zwar bei Jesaja über den Knecht Gottes. Also liegt es nahe, den Knecht mit Jesus zu identifizeiren: Der Knecht also ist Jesus.

Gott selbst hat in der Taufe im Jordan Jesus als seinen geliebten Sohn, als seinen Gottesknecht eingesetzt. An Weihnachten haben wir gehört, dass Jesus gekommen ist, in der Epiphanias Zeit, die wir jetzt begehen, hören wir, wer er ist, für uns, dieser Jesus: Gottes Knecht.

Und als Gottes Knecht der, der das Geknickte nicht zerbricht, sondern aufrichtet. Er löscht nicht aus, was nur noch glimmt, sondern führt ihm Sauerstoff zu, dass es wieder zu lodern beginnt. Er schreit nicht. Er verzichtet auf Gewalt und Macht. Der verheißene Gottesknecht, das ist der Gottessohn.

IV.

"Aber sagens, Herr Pfarrer, jetzt ham wer noch gar nicht über die Kirche gesprochen? Und dat geht nich im Rheinland..."
Richtig, es gibt dann noch die Ansicht, der Knecht Gottes, der das Recht unter die Menschen bringen und auf Erden aufrichten wird, das sei die Kirche.

Sie hat den Auftrag, an der Seite der Armen, der Entrechteten und Enteigneten zu stehen. Sie hat eine Option für die Armen. Sie richtet auf, die zerbrochen sind, sie kämpft um das Lebensrecht derer, deren Leben nur noch ein glimmender Docht ist. Sie schreit zwar nicht und sie ruft nicht und man hört ihre Stimme nicht auf den Gassen, aber sie kämpft doch die Sache Gottes, kämpft doch für eine bessere und gerechtere Welt.

Die Kirche Jesu Christi ist der Knecht Gottes, gedemütigt, verkannt, leidend. Nur als diese leidende Kirche wird die Kirche Kirche Jesu Christi bleiben. Nur wo wir selbst als Kirche uns an die Seite der Schwachen stellen, für ihr Recht eintreten, werden wir die Kirche sein, die Gott wohlgefällt. Wir sind daran allzu oft schuldig geworden, gerade hier in den satten Kirchen der westlichen Welt.

V.

"Allet richtig, ihr Lieben, aber wisst ihr wat, mir is dat alles zu akademisch. Ich glaube, in Wahrheit hat et doch der Grafschafter Bettler, von dem der Josef Wittig erzählt in seim „Leben Jesu in Palästina, Schlesien und anderswo“ erzählt, besser erkannt als alle Akademiker. Jener Bettler, der „ungefähr alle Vierteljahre einmal in unser Häuslein kam, aber vor der Stubentür stehen blieb und, ohne anzuklopfen, zu beten begann: „Vater unser, der du bist in den Himmeln...“ Wenn dann die Mutter mit einem Schüsselchen Mehlsuppe oder einer Schnitte Brot hinausging, sagte er: „Der himmlische Vater gibt’s euch wieder.“ Wenn ihn aber jemand fragte: „Wer sind sie denn?“, antwortete er: „Ich bin der Sohn Gottes.“ Das wussten aber schon alle, und sagte dann einer: „Ich denke, sie sind der Beiernaz aus den Falkenbergen“, so erklärte er demütig: „Das bin ich einmal gewesen. Aber als ich getauft wurde, siehe, da kam eine Stimme vom Himmel und sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.“ So reden, dat müsst ihr lernen, liebe Schöler, für et Leben..."
Ich begreife: Da hat doch dieser einfache und dumme Bettler eine große Wahrheit erkannt: dass nämlich in unserer Taufe Gott über uns Heiden sein Wohlgefallen ausspricht, und wir mit der Taufe hineingetauft sind in all diese Geschichten, die gewesenen und verheißenen, die Geschichten der Gerechten Israels, die Mosegeschichte, die Geschichte des Gottessohnes und der Kirche.

All diese Geschichten, sie sind unsere Geschichten: Du und ich, wir sind Gottes Knechte und Mägde geworden, die er hält, an denen er sein Wohlgefallen hat, wir sind die, auf denen Gottes Geist ruht, wir verlöschen und zerbrechen nicht, von uns erwartetet die Welt zurecht das Recht, wir sind mit Israel gesetzt zum Licht der Völker, den Blinden die Augen aufzutun. Wir stehen seit unserer Taufe an der Seite von Israels Gerechten und seiner Propheten.

Und ich ahne die Antwort auf die Fragen des Lebens, was mein Sinn, mein Recht, mein Wert ist und begründet: Siehe, das ist mein Knecht, ich habe ihm meinen Geist gegeben. Das heißt: Siehe, du bist mein Knecht, ich habe dir meinen Geist geben.

Die Alten hatten eine Ahnung davon, wenn sie im Heidelberger Katechismus, Frage 53 formulierten:

„Was glaubst du vom heiligen Geist?“

Und den Schülern dann beibrachten, zu antworten:

"... dass er auch mir gegeben ist, mich durch einen wahren Glauben Christi und aller seiner Wohltaten teilhaftig macht, mich tröstet und bei mir bleiben wird in Ewigkeit.“
"Su, dat lernt ihr dann bis zum nächsten mal auswendig. Damit euch ein Licht aufgeht:"
Gottes Geist macht uns zu seinen Kindern, an denen er sein Wohlgefallen hat, macht uns zu Menschen, die ein Auge haben auf das Geknickte und Verlöschende, die Recht und Gerechtigkeit in die Welt und auf die Gassen tragen.

Menschen mit Gottes Geist, sind Menschen, die selbst nicht zerbrechen und verlöschen, und wenn sie noch so angeknackst sind und der Docht des Glaubens nur noch eine mickerige Glut.

Darum gratuliere ich euch, ihr Knechte und Mägde, ihr Kinder Gottes: Nix habt ihr geschafft und doch alles gewonnen, weil ihr ihm gefallt. Einfach so. Und: Amen.

Kommentare

  1. Hammer doch wedder wat geleht, dat mer bis doo su nit jesenn han.

    (Mal abgesehen davon, dass manchmal der Bömmel und der Schnauz durcheinander geworfen werden (Lehrer/Pfarrer werden halt von allen Seiten gerne und fachkundig kritisiert)).

    Aber das ist es doch, warum es sich lohnt, in die Schule - Pardon: Kirche - zu gehen:
    Lebenshilfe der besten Art für die verzagte Christenheit / den kleingläubigen Christenmenschen.

    Danke!

    Su, jetz jommer wedder in de Jass.

    P.S.:
    - Empfehlenswert: Langenscheidt Liliput Kölsch von Werner Drossard, Daniel Kölligan und Fritz Serzisko.
    - Warum gibts keinen Link zum Predigtblog von evangelischtroisdorf aus?

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Wir stehen im Morgen - Liedpredigt

Predigttext für den kommenden Sonntag: Römer 14,10-13