Wehe den Hirten, die sich selber weiden!

oder:
Eine politische Rede

Predigt zu Hesekiel 34 am Sonntag Misericordias Domini in der Johanneskirche,
der evangelischen Stadtkirche in Troisdorf.

In diesen politisch so aufgeladenen Zeiten: Wahl in Frankreich, in Schleswig-Holstein, in Nordrhein-Westfalen, im Bund…

AfD und ihre Gegner; Kirchen, die sich klar positionieren: „Die AfD vertritt Positionen, die mit christlichen Werten nicht zu vereinbaren sind…“

Dagegen Eintritte in die etablierten Parteien wie seit Jahren nicht mehr…

Pulse of Europe und Brexit…

100 Tage Donald Trump und 300 Protestmärsche in den USA am selben Tag…

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf den Straßen…

In diesen politisch so aufgeladenen Zeiten wird uns heute als Predigttext eine politische Rede aufgegeben. Sie steht in der Bibel, jenem Buch, in dem es um Gott, die Welt, den Menschen und den Glauben geht – und auch um Sex und Kriminalität und Ackerbau und… Politik.

So lesen wir in der Bibel eine – wie ich finde – brillante und im Übrigen im Grunde sehr moderne politische Rede – und das aus dem 6. Jahrhundert vor Christus.

Der Prophet Ezechiel hat sie gehalten.

I.
Was muss man über diesen Propheten wissen, um die Rede zu verstehen?

Ezechiel wirkte zwischen 593 und 573 vor Christus, nicht in Jerusalem, überhaupt nicht im israelischen Kernland, sondern in Tel Abib am Fluss Kebar bei Nippur in Babylon.

597 ist er dorthin deportiert worden: Die Babylonier hatten Jerusalem eingenommen und die „oberen Zehntausend“ nach Babylon deportiert, darunter auch Ezechiel, der zuvor als Priester am Tempel in Jerusalem wirkte.

Er sitzt also mit den anderen an den Flüssen Babylons und weinte, als ihn Gott zum Propheten berief.

Die erste Phase seines Wirkens ist geprägt von der Ansage großen Unheils an sein Volk:

Dass Jerusalem von den Babyloniern eingenommen und seine Oberschicht deportiert wurde, das war für Ezechiel Gottes Strafe dafür, dass die Israeliten den Tempel und das Land durch ihre Ungerechtigkeit und ihren Götzendienst unrein gemacht hatten.

Gott hat seinen Tempel und seine Stadt verlassen und wird sie der völligen Vernichtung preisgeben, sein Volk in alle Winde zerstreuen.

Das wird die Strafe sein für den fortgesetzten Ungehorsam vorallem jener, die nach der ersten Eroberung in der Stadt geblieben waren und die sich den ins Exil Geführten überlegen fühlten.

Der Prophet behielt Recht: 587 geschah, was er vorhergesagt hat: Jerusalem wurde erneut erobert, der Tempel zerstört.

Aber… Aber das Volk lebte weiter, wenn auch zerstreut und in der Fremde… Lebte, glaubte, hoffte…

Für Ezechiel war das ein Zeichen der Treue Gottes. Und aus dieser wuchs die Hoffnung auf Zukunft.

In diese Situation hinein hält Ezechiel seine politische Rede.
Ich will ihnen diese Rede vorlesen, mache hin und wieder nur einen Kommentar.

II.
Ezechiel 34…

Der Prophet beginnt seine Rede mit einer harten Kritik an der früheren Führungsriege des Volkes. Er bedient sich dazu des Bildes des Hirten, das gerne in jener Zeit für das Bild des Herrschers gebraucht wird. Der König war der Hirte. Das Volk die Herde.

Ezechiel aber weitet dieses Bild aus auf alle, die Verantwortung in der Gesellschaft tragen, die Funktionseliten des Landes. Aus dem Singular des einzelnen Herrschers wird der Plural der Eliten, nicht nur derer bei Hofe.

Ezechiel:

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?

Mit dieser Ansage und der rhetorischen Frage setzt der Prophet bis heute gültige Maßstäbe für jede Führungsaufgabe, für jedes Mandat, für jede politische Rolle: Es geht immer um einen Dienst an der Allgemeinheit!

Niemals dürfen eigene Vorteile mehr zählen, als der Auftrag, den man zu erfüllen hat.

Niemals darf das Gleichgewicht zwischen Privilegien und der Wahrnehmung der Verantwortung sich zu Gunsten der Privilegien verschieben.

Wer ein Amt hat, wer eine Funktion trägt, wer eine öffentliche Rolle wahrnimmt, der ist den Menschen verpflichtet wie ein Hirte seiner Herde.

Ezechiel:

Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.

Im Bild gesprochen…

Und doch bekommt man eine Ahnung, wieviel Selbstbereicherung im Spiel gewesen sein muss. „Ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle…“
Wieviel soziale Kälte: „das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ich nicht und das Verwundete verbindet ihr nicht.“
Und wie viel Brutalität: „Das Starke tretet ihr nieder mit Gewalt.“

Und wieviel Versagen im Amt: „das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht“: Ein Hirt soll die Herde zusammenhalten, weshalb die zerstreute Herde und eine gespaltene Gesellschaft der Ausweis des Versagens der Elite sind:

Ezechiel:

Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut. Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut, und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder sie sucht.

Von Jesus wird es später heißen, dass er das große Volk sah und es jammerte ihn derselben, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.

Und dann nahm er sich ihrer an. Was da von Jesus erzählt wird, es hat sein Ursprungsbild in der Rede des Propheten, dort aber in politischer Rede.

Der Prophet ist Prophet, ist Mann Gottes. Gott ist für ihn ein Faktor der Politik. Er wird der Willkür der Herrschenden in den Arm fallen und wird sie zu Verantwortung ziehen.

Verantwortung, so hat uns der Philosoph Hans Jonas belehrt, macht nur Sinn, wenn es eine Institution gibt, vor der ich mich mit meinem Tun von heute morgen verantworten muss.

Die Demokratie hat im Instrument der Wahlen und in der Gewaltenteilung Verantwortung festgeschrieben. Wo sie funktioniert, stoppen Gerichte die Verantwortungslosigkeit der Mächtigen und straft das Wahlvolk politisches Versagen mit Mandatsverlust.

Der Prophet aber spricht in vordemokratischer Zeit und führt mit Gottes Hilfe diesen modernen Gedanken ein, dass sich die Eliten an ihren Werken messen lassen müssen, ihr Tun verantworten und bei Versagen die Macht von ihnen genommen wird.

Er spricht von Gottes Gericht, spricht von Gott, der die Macht von den Mächtigen nehmen wird, weil sie versagen:

Darum hört, ihr Hirten, des HERRN Wort! So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten, darum, ihr Hirten, hört des HERRN Wort! So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.

Der Entmachtung der Mächtigen folgt nun eine neue Ordnung. Ezechiel rechnet damit, dass kein Versagen der Politik, kein Missbrauch von Macht und Ämtern größer sein kann, als Gottes Erbarmen. Denn im Zweifelsfall wird sich Gott selbst der Herde annehmen:

Ezechiel:

Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.

In dieser Hirtenschaft Gottes formuliert Ezechiel eine neue Haltung des Hirten. Gott agiert hier nicht von seinem himmlischen, königlichen Thronsitz aus, sondern er wählt die Weggemeinschaft. Er macht sich auf den Weg zu den Menschen, er sucht die Verirrten an allen Orten. Der Gott der mitgeht, geht auf die Felder und Gassen, zu suchen, was verloren ist. Eine Politik am berühmten grünen Tisch ist nicht die Herrschaft Gottes.

Ihr Ziel?

Ezechiel:

Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR.

Und dann lässt Ezechiel Gott genau das tun, was zuvor die Hirten unterlassen haben. Gott spricht:

Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.

So weit, so populistisch – könnte man argumentieren. Denn die Schelte gegen „die da oben“ oder die aktuell Regierenden, gegen Machtmissbrauch und Korruption ist ja so einfach. Und sich selbst dagegen als Heilsbringer zu vermarkten, bedarf kaum noch eines Geschickes.

Doch der Prophet bleibt nicht dabei stehen, sondern lenkt den Blick auf die Herde, auf das Volk, auf die im Lande und die Verstreuten, und prangert an, was im Argen liegt: Die soziale Ungleichheit zum Beispiel, das Gefälle zwischen Arm und Reich… Kommt mir irgendwie zeitgenössisch vor. Will aber sagen: Dass die Herrschaft Gottes sich unweigerlich im sozialen Miteinander zeigen muss, das ist dem Propheten eine notwendige Konsequenz.

Ezechiel:

Aber zu euch, meine Herde, spricht Gott der HERR: Siehe, ich will richten zwischen Schaf und Schaf und Widdern und Böcken. Ist's euch nicht genug, die beste Weide zu haben, dass ihr die übrige Weide mit Füßen tretet, und klares Wasser zu trinken, dass ihr auch noch hineintretet und es trübe macht, sodass meine Schafe fressen müssen, was ihr mit euren Füßen zertreten habt, und trinken, was ihr mit euren Füßen trübe gemacht habt?  Darum, so spricht Gott der HERR zu ihnen: Siehe, ich will selbst richten zwischen den fetten und den mageren Schafen; weil ihr mit Seite und Schulter drängtet und die Schwachen von euch stießt mit euren Hörnern, bis ihr sie alle hinausgetrieben hattet, will ich meiner Herde helfen, dass sie nicht mehr zum Raub werden soll, und will richten zwischen Schaf und Schaf.

Politisch konkret wird Ezechiels Ansage nun mit der Verheißung eines neuen Königs gekrönt, der ein Friedensreich in Gerechtigkeit errichten soll, da ist sie, die messianische Weissagung:


Ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen Knecht David. Der wird sie weiden und soll ihr Hirte sein, und ich, der HERR, will ihr Gott sein. Und mein Knecht David soll der Fürst unter ihnen sein; das sage ich, der HERR.

Und ich will einen Bund des Friedens mit ihnen schließen und alle bösen Tiere aus dem Lande ausrotten, dass sie sicher in der Steppe wohnen und in den Wäldern schlafen können. Ich will sie und alles, was um meinen Hügel her ist, segnen und auf sie regnen lassen zu rechter Zeit. Das sollen gnädige Regen sein, dass die Bäume auf dem Felde ihre Früchte bringen und das Land seinen Ertrag gibt, und sie sollen sicher auf ihrem Lande wohnen und sollen erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich ihr Joch zerbrochen und sie errettet habe aus der Hand derer, denen sie dienen mussten.  Und sie sollen nicht mehr den Völkern zum Raub werden, und kein wildes Tier im Lande soll sie mehr fressen, sondern sie sollen sicher wohnen, und niemand soll sie schrecken.  Und ich will ihnen eine Pflanzung aufgehen lassen zum Ruhm, dass sie nicht mehr Hunger leiden sollen im Lande und die Schmähungen der Völker nicht mehr ertragen müssen.

Friedensreich. Bis heute unerfüllt. Die messianische Verheißung, das haben wir im Gespräch mit dem Judentum gelernt, hat eine politische Dimension, die bis heute nicht eingelöst ist. Nein, es ist nicht die Vision radikaler jüdischer Siedler in Israel und ihres nationalistischen Ministerpräsidenten, sondern eine, die, wenn man ihren Spuren in der Bibel nachgeht und sie bis zum Messias Jesus Christus verfolgt, mehr und mehr die ganze Welt umspannt, am Ende sich gar verbindet mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde, wo Gott abwischen wird alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein… Und Gott wird mit ihnen sein und wird ihr Gott sein.

Mit dieser Zusage Gottes, mit den Menschen zu sein, mit der „Bundeszusage im Hirtengewand“ endet Ezechiels politische Rede:

Gott spricht:
Und sie sollen erfahren, dass ich, der HERR, ihr Gott, bei ihnen bin und dass die vom Hause Israel mein Volk sind, spricht Gott der HERR. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

III.
Liebe Gemeinde, was nehme ich nun mit für uns und unsere Zeit aus dieser grandiosen und modernen Rede? Eine Handvoll:

1.    Hirten sind dazu da, die Herde zu weiden und nicht sich selbst. Darum gilt: Wer ein Amt hat, wer in einer Funktion steht, steht im Dienst der Allgemeinheit. Gemeinwohl geht vor dem eigenen Wohl. Sonst hast Du im Amt nichts zu suchen.
2.    Jede Macht muss sich verantworten. Ich schätze unsere Demokratie und unseren Rechtsstaat, der die Verantwortung in Gewaltenteilung und Wahlen institutionalisiert hat. Wenn ich schon nicht dafür sorgen kann, dass andere Länder sich in autokratische Staaten verwandeln, dann kann ich doch wenigstens einstehen für die Demokratie, in der wir leben, sie wertschätzen und achten.
3.    Dass wir Ämter vergeben, dass wir wählen – oder auch nicht – entbindet uns nicht von unserer eigenen Verantwortung. Auf „die da oben schimpfen“ und im vermeintlichen „hier unten“ soziale Ignoranz leben, ist Volksversagen.
4.    Gottes Friedensreich steht noch aus – wir leben unter den Bedingungen dieser Welt. Darum ist Politik eine notwendige Aufgabe und kein schmutziges Geschäft. Diejenigen, die sie wahrnehmen, werden niemals vollkommen sein und ihre Politik auch nicht. Denn vollkommen ist nur einer. Der aber lässt auf sich warten.
5.    Und darum zuletzt: Gerade, weil wir in dieser Welt leben und sie gestalten als Menschen mit Schwächen und Fehlern, brauchen wir das prophetische Amt, brauchen wir Menschen, die mahnen, den Finger in die Wunde legen, Probleme beim Namen nennen. Wir brauchen das prophetische Amt heute vielleicht weniger in charismatischen Führern denn als den politischen Diskurs unter uns. Dazu lade ich Sie herzlich ein: 11. Mai, hier in der Johanneskirche unter dem Titel „Christengemeinde und Bürgergemeinde“ – ein politischer Diskurs zum Verhältnis von Religion und Politik, Kirche und Staat, Glaube und Welt.


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