Bekenntnisse eines Melancholikers

Predigt zu Jeremia 20,7-13

Ach Gott,
rühre meine Lippen an,
dass ich mit den Müden zu reden weiß.
Hilf beim Reden und beim Hören und in beidem: Hilf beim Predigen. Amen.

„Ich tue euch kund, dass ich keinen Groschen habe und sozusagen barfuß und nackt bin und den Rest meines Entgeltes nicht bekommen kann, ehe ich das Werk nicht vollendet habe, und ich erdulde die größten Kümmernisse und Mühsale…“ schrieb Michelangelo Buonarotti im September 1512 an seinen Bruder nach Florenz. Er, der Bildhauer und Maler, lag zu dieser Zeit in den letzten Zügen eines seiner Meisterwerke: Der Decke der Sixtinischen Kapelle in Rom. Im Auftrag des Papstes, Julius II, sollte er etwas schaffen, was diesen Papst auf ewig im Gedächtnis der Christenheit halten sollte. An dem Auftrag aber, etwas Großes zu schaffen, kann man zerbrechen, demütig werden, betrübt und melancholisch: „Ich habe mehr Mühe zu tragen, als je ein Mensch getragen hat. Auch fühle ich mich unwohl. Trotzdem will ich geduldig ausharren, um zum ersehnten Ende zu gelangen.“

So malt er denn wie besessen die Szenen der Schöpfung von der Erschaffung der Welt bis zu Noah und der Sintflut und umrahmt diese mit großen sitzenden Figuren: den Propheten. Der letzte dieser Propheten im Bildprogramm der Kapelle, vom eintretenden Betrachter aus gesehen hinten rechts über dem Altar, trägt seine eigenen Gesichtszüge. Alt geworden, mit grauem Haar. In sich gesunken. Den Blick nach unten geneigt. Die Hand schlaff im Schoß. So malte man „Melancholiker“, Schwermütige, schwarzgallige Menschen. „Die Melancholie“, sollte später Siegmund Freud formulieren, „die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tiefe schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur wahnhaften Erwartung von Strafe steigert.“ (Siegmund Freud, Trauer und Melancholie).

Doch mit wem identifizierte sich der an der Größe seiner Aufgabe zwar nicht gescheiterte – nein, beileibe nicht gescheitert, was für ein  Meisterwerk hat er doch zustande gebracht trotz aller Schwermut – nein, gescheitert ist er nicht an der Aufgabe. Aber müde geworden. Abgekämpft. Erschöpft.

Wer ist der Prophet, in den hinein sich der an seiner Aufgabe erschöpfte Künstler malte.

Zu seinen Füßen der Name: Jeremia.

II.
Jeremia war Prophet im Südreich Palästinas, in Juda öffentlich auftretend wohl zwischen 625 und 585 vor Christus, in politisch heikler Zeit: Während sich im Lande alle sicher fühlen, ahnt er die drohende Katastrophe. Sehen die einen nur, dass sich Kult und Glaube durch die Reformen des Königs Joschija mit der Zentralisation in Jerusalem festigen, spricht er aus, das kein Kult das Heil der Welt behaupten kann. Freut sich das politische Establishment am Untergang Assyriens, so sieht der Prophet die drohende Gefahr durch den Machtzuwachs Babylons. Und warnt und droht, wie Gott es ihm aufgetragen hat. Doch wer will das hören in der schicken Welt der Hauptstadt. Selbst seine politischen Perfomances wie etwa das Zertrümmern eines tönernen Kruges als Symbol für die drohende Zerschlagung des Reiches verhallen wirkungslos.

Den Mächtigen wird er lästig. Paschur, einer der Priester, vielleicht so etwas wie ein Anführer der Religionspolizei, schließlich tut, was die Mächtigen bis heute gerne tun mit den Propheten die den Mund nicht halten, die schreien und rufen und twittern und bloggen: Sie legen ihn in einen Block und schlugen ihn, wie Raif Badawi, der nach Urteil seiner saudischen Richter 10 Jahre Gefängnis und 1000 Stockschläge erhalten soll.

So gedemütigt und am Ende seiner seelischen Kräfte, legt der Prophet Jeremia ein berührendes Bekenntnis ab:

„HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.
Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.
Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.
Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«
Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden.
Und nun, HERR Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen.
Singet dem HERRN, rühmet den HERRN, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!“

III.
Michelangelo… Jeremia… Und du?

Nein, liebe Gemeinde, ich will jetzt niemanden nötigen, sich in den einen oder den anderen einzufinden. Will nicht behaupten, dass ich auch nur annähernd etwas vergleichbar Großes aufgetragen bekommen hätte wie sie und wage zu vermuten, du auch nicht. Aber Melancholie… die wächst aus dem Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Verheißung und Realität, zwischen Gottes Rede und dem Tun der Menschen…

Wenn du Sie nicht kennst, die Melancholie, die einen überkommen kann, wenn man die Bilder dieser Welt hält neben die Verheißungen jener Welt Gottes, in der Friede sein soll und die Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet und ein jeder unter seinem Feigenbaum und seinem Weinstock sitzen soll, wenn Du es nicht kennst, das Leiden an den unerfüllten Verheißungen und der Ferne Gottes in der Welt, dann will ich es Dir auch nicht einreden. Nur bitten will ich Dich, zu prüfen, ob Du nicht wie jene damals die Augen verschließt vor dem, was ist.

Den andern aber, jenen, die daran leiden, dass diese Welt so anders ist, als Gott sie uns verheißen hat, mit jenen will ich gerne lernen, dennoch nicht müde und nicht matt zu werden.

Wie gelingt dem Jeremia das?

IV.
Das erste: Ich erlebe Jeremia in diesem Bekenntnis als einen, der sehr achtsam mit sich umgeht und sehr genau dem nachspürt, was in ihm vorgeht. In diesen 7 Versen lese ich 20 mal „Ich“ Der Prophet, der sonst immer nur von Gott und der Welt spricht, redet von sich. Er spürt dem nach, was er empfindet, was er fühlt, was der Auftrag, dem er folgt, mit ihm macht.

Ich weiß ja nicht, wie es ihnen in ihrem Alltag ergeht. Aber das scheint mir doch die Regel zu sein, dass viele von uns im Funktionieren gefangen sind und im Tun und Machen gar nicht mehr im Kontakt mit sich selbst.

Manchmal helfen uns nur noch Katastrophen, um zu entdecken, dass ich ja auch noch da bin. Manchmal auch das Glück.

Seit Freitag ist die Welt entsetzt über einen Künstler, dem erst auf der Bühne einfällt, dass das, worum er sich gemüht hat, nicht das ist, was er wirklich will. Und Andreas Kümmert zieht zurück.

Reichlich spät. Gewiss. Aber immerhin: „Ich bin nicht wirklich in der Verfassung…“

Achtsam mit sich selbst sein. Was macht das mit mir? Die Nachfolge, das Christsein zum Beispiel.

V.
Ein Zweites fällt mir auf und scheint mir wichtig zu sein. Jeremia hält in seinem Bekenntnis Zwiesprache mit Gott und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Er reibt Gott in die Ohren, was ihm, Jeremia, an ihm, Gott, nicht passt. Er spart nicht mit Vorwürfen: Du hast mich überredet. Besser wäre zu übersetzen: Du hast mich „betört“.
Du hast mich unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen in deine Nachfolge gerufen.

Das ist heftig. Heftig zumal in unseren von allzu viel Rede über den lieben Gott abgestumpften Ohren. Das ist heftig und doch zugleich in jener Situation, in der mir der garstige Graben zwischen unserer Wirklichkeit und Gottes Verheißungen bewusst wird, der einzig angemessene Ausdruck. „Gott, ich fühle mich…“ verzeiht den Ausdruck, aber so würden wir es vielleicht in unserer Zeit sagen: „Gott, ich fühle mich verarscht…“

Du hast mich losgeschickt, Deine Zukunft anzusagen, und sie bleibt aus. „Des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden“- die anderen können nur noch drüber lachen.

Das Klagen wieder lernen, das wäre eine spirituelle Übung, die mich selbst in den tiefsten Abgründen immer noch in Verbindung hält, mit dem Gott, an dem ich verzweifle. Der letzte Strohhalm meines Glaubens ist die Klage.

VI.
Für Jeremia ist es so, dass die Klage ihn wieder in Kontakt bringt mit dem, was er glaubt und hofft. Und er entdeckt, dass er davon ja gar nicht schweigen kann: „Es ist in mir wie ein brennendes Feuer.“ Es ist in mir drin und es muss raus.

Jesus wird später sagen: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über…“

Wir können es ja nicht lassen. Wir müssen davon reden. Weil es in uns ist.

So wie Michelangelo gar nicht anders konnte, als sein Werk zu vollenden. Was uns ergriffen hat, das will Gestalt gewinnen in Wort und Tat.

Wie so manch einer in seiner Melancholie die Erfahrung macht, dass sich aus dem Kokon seiner Kraftlosigkeit ein neuer Aufbruch windet und sich das, was ein Scheitern zu sein scheint, am Ende als ein neuer Anfang entpuppt.

Wer einmal mit dem Glauben in Berührung ist, wird davon ein Lied singen können, Weicht ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein. Denen, die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben, lauter Freude sein. Duld ich schon hier Spott und Hohn, dennoch bleibst du auch im Leide, Jesu, meine Freude.

VII.
Und dazu ruft er dann auf, der Prophet, am Ende seiner Rede: „Singet dem HERRN, rühmt den HERRN, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet.“

Am Ende also ist er wieder da bei Gott, von dem er nicht lassen kann. Gibt sich – und übrigens ganz wichtig: Alle seine Feinde – in Gottes Hand. Macht sich damit frei von aller Aggression und aller Wut… indem er auch seine Verfolger in Gottes Verantwortung übergibt. Es ist nicht an uns, zu rächen, zu strafen, zu kämpfen und zu verfolgen.

Und indem Jeremia das tut, sich und seine Verfolger ganz Gott auszuliefern, wird er frei zum Neuanfang. Frei, zu singen und zu loben, zu reden und zu tun, zu drohen und zu verheißen,… Kommt so heraus aus der Melancholie ins Freie mit neuer Kraft und neuem Mut zu tun, was er nicht lassen kann.

Und dann geschieht eben doch noch, was er geahnt. 585 fällt Jerusalem. Die mächtig gewordenen Babylonier deportieren die Elite. Jeremias Spur verliert sich im Laufe der Geschichte.
Sein Wort aber klingt zu uns in diese Zeit. Auf dass wir

nicht müde werden,
sondern dem Wunder
wie einem Vogel
leise
die Hand hinhalten.

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